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Die besten Alben im 1. Halbjahr 2018

Alles was sonst nirgends passt!

Die besten Alben im 1. Halbjahr 2018

BeitragAuthor: Tuxman » Do 28. Jun 2018, 15:30

Kaum ist es mal schier unerträglich warm geworden, schon ist wieder ein halbes Jahr vorbei. Das kann nur eines bedeuten: Es ist wieder Zeit für die besten Musikalben des ersten Halbjahres 2018. Dass seit der letzten Rückschau sowohl Mark E. Smith und mit ihm wohl auch The Fall als auch Dennis Edwards (The Temptations) und Jon Hiseman (Colosseum, Colosseum II, JCM) sich für immer aus der Musik und voraussichtlich auch aus der Welt der Lebenden verabschiedet haben, mahnt zur Eile. Wer weiß, wie viele Künstler sterben, während ich dies hier schreibe?

Sicherheitshalber griff ich der Liste bereits vor: Die aktuellen Studioalben von awakebutstillinbed, Messa und den beiden Davids Cross und Jackson bleiben Teil der diesjährigen Empfehlungen, auch das Debütalbum "Danger Dance" von Noseholes, deren titellose EP mich Anfang Januar zu einer Rezension veranlasste, ist erwartungsgemäß gut geworden.

Was sonst noch los war, folgt sofort.

1. Hören, was gut ist.

  1. møl - JORD (Cover)

    Zu Beginn gilt es, erst mal die Gehörgänge freizublasen. Hierfür bieten sich møl aus Dänemark eigentlich an.

    Auf ihrem ersten Vollzeit-Studioalbum "JORD" - voraus gingen zwei EPs - ignoriert das Quintett gekonnt die vermeintliche Genregrenze zwischen Postrock und Black Metal, was mich als Genreignoranten in mehrfacher Hinsicht erfreut. Im Internet ist von "Blackgaze" als Genre die Rede und spätestens hier sollten auch Verfechter einfachster Schubladisierung erkennen, dass ihr Treiben mitunter grotesk wirkt.

    Zu Beginn ("Storm") höre ich auch tatsächlich erst einmal Postrock, bevor unversehens das Gewitter losbricht. Im späteren Verlauf des Albums ("Ligament") wird es immer mal wieder beachtliche Postrockmomente geben, dominant ist aber die Selbstbeschreibung der Band als "ein zerschmetterndes Nichts". "Jord" ist das dänische Wort für Erde, als erdig wäre das Album aber nur unzureichend beschrieben. Anderswo schrieb jemand, es handele sich um "rasendes Geschrammel mit dank Keyboard (...) orchestraler Note" und das ist verdammt richtig.

    Ich solle erwarten, am Jahresende "Jord" auf vielen Album-des-Jahres-Listen zu finden, kündigte das britische Musikmagazin "noizze" an. Ich greife dem hiermit um mehrere Monate vor, ich Punk.

    Reinhören: Freundlicherweise (naja, eigentlich: wie beinahe schon üblich) stellen møl "Jord" via Bandcamp.com für Kauf und Stream zur Verfügung.

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  2. Black Space Riders - Amoretum Vol. 1 (Cover)

    Wir bleiben erst mal beim Krach. Die Münsteraner Hardrockcombo Black Space Riders ist langjährigen Lesern meiner Musikkritiken nicht unbekannt, schon 2015 befand ich, dass es bei dieser Band mitunter vieles zu entdecken gebe. Auch ihr fünftes Album "Amoretum Vol. 1" - ich erkenne immerhin ein Muster in der Benennung ihrer Alben - ist von Flachheit weit entfernt. "Amoretum" ist dabei ein Kofferwort aus den lateinischen Wörtern für die Liebe und den Garten. Soll es "Liebesgarten" bedeuten? Auszuschließen ist es nicht.

    Beim Hören von "Amoretum Vol. 1" denke ich in Übereinstimmung mit den gelegentlich zu lesenden Vergleichen mit Hawkwind an Motörhead: Die beiden weiterhin in der Band beschäftigten Sänger (ich konnte bisher nicht ermitteln, wer am Mikrofon nun wer ist), die beide auch die Keyboards bedienen, tragen hier heiseren Gesang, gelegentlich ("Lovely lovelie", "Fire! Fire! Death of a giant") auch Growling bei. Auch sonst hat sich bis auf einen Wechsel am Bass nicht viel geändert: Unverändert gehen die Musiker einer Tätigkeit nach, die Freunde von Spacerock, Hardrock und Psychedelic Rock gleichermaßen erfreuen mag. Dass "Amoretum Vol. 1" außerdem "tanzbar" sei, ein Wort, das ich als Musiker als Beleidigung empfände, ist dabei eine dennoch zutreffende Feststellung.

    Zumal sie, wenn sie nicht gerade hardrocken, newwaven: Aus der Vorbereitung für diese Rückschau entnehme ich eine Notiz meinerseits, dass ich außer an Motörhead auch an die Smiths gedacht habe, als ich "Amoretum Vol. 1" hörte, und da ich sonst eigentlich nie an die Smiths denke, könnte das an diesem Album liegen.

    Marek Protzak schrieb:

    Wer sich von der Musik der BLACK SPACE RIDERS irgendwas mit kathartischer Transzendenz und einen Fluchtweg in den Schlaghosen-Orbit erhofft, geht auch 2018 leer aus.


    Und das, um an ungeeigneter Stelle ein Politikerzitat anzubringen, ist auch gut so. "Amoretum Vol. 2" soll jedenfalls noch 2018 erscheinen. Ich vermute, es wird großartig sein.

    Reinhören: Bandcamp.com, versteht sich.

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  3. Anna von Hausswolff - Dead Magic (Cover)
    "Who is she / to say goodbye?" ("The Mysterious Vanishing Of Electra")

    Vorläufig ist's genug des Krachs, denn wenn man immer nur Krach hört, verliert man den Sinn für das Schöne. Dabei gibt es so viel mehr als Gitarrenriffs und Geschrei, zum Beispiel Pfeifenorgeln.

    Eine solche, aufgrund ihrer Verwendung in Kirchen oft als sakral klingend wahrgenommen und hier tatsächlich in der Kopenhagener Marmorkirken herumstehend, ist das bevorzugte Instrument von Anna von Hausswolff, schwedische Sängerin, Pianistin und Künstlertochter, die seit 2010 ab und zu Alben veröffentlicht, die Namen wie "Ceremony", "Singing from the Grave" oder "Dead Magic" tragen. Alles deutet auf Gothic Rock hin, aber bei Gothic Rock denke ich an The Cure und HIM und werde ein bisschen ungehalten.

    Allerdings ist das auf "Dead Magic", auf dem außer ihr neun weitere Musiker, darunter ihr Produzent Randall Dunn, überwiegend an Saiten-, sonst an Tasteninstrumenten zu hören sind, Aufgenommene zur Beruhigung auch nur bedingt geeignet. Wie wiederkehrende Leser vielleicht inzwischen wissen, mag ich ja herausragende Stimmen, dabei ist das Genre beinahe zweitrangig. Selbst Sarah Lesch, einer, nüchtern betrachtet, auch nur wenig anstrengenden Schlagersängerin, kann ich aufgrund ihrer Stimme etwas abgewinnen. Und verdammt, Anna von Hausswolff ist wirklich gut darin, eine herausragende Stimme zu haben. Wer einen Vergleich haben möchte, der nehme Kate Bush ohne das überdrehte Quietschen ihrer frühen Alben, Björk ohne die fürchterliche Exaltiertheit ihrer sämtlichen Alben oder finde sich einfach damit ab, dass manche Stimmen einmalig scheinen.

    In fünf Liedern, von denen zwei über zwölf Minuten lang sind, lässt die Inhaberin dieser Stimme ihr Talent brillieren; von sanft beruhigend über beschwingten Poprock ("Ugly and Vengeful") bis hin zur stimmlichen Begleitung A Silver Mt. Zion nicht unwürdigen Drone-Postrocks ("The Truth, The Glow, The Fall") ist auf "Dead Magic" alles zu finden, immer begleitet von der Orgel, die das stimmlose "The Marble Eye" sogar als einziges Instrument bestreiten darf. Dass das, was sie selbst "Begräbnispop" nennt, von fröhlicher Popmusik weit entfernt sei, obwohl die Künstlerin in Interviews mitunter mitteilte, Aufnahmen ließen sie stets fröhlich zurück, möchte ich nicht bestreiten, wohl aber, dass das Album doch aufgrund der Instrumentierung und der Titel bestimmt ziemlich deprimierend klinge. Fast ist das Gegenteil der Fall. Gerade die erste Single "The Mysterious Vanishing Of Electra", eigentlich ein Gedicht ihres längst verstorbenen Landsmannes Walter Ljungquist, sprudelt vor eigener Energie dermaßen über, dass sie auf den Hörer überspringt. Der ungemein extrovertierte Gesang, nicht nur für Verehrer Courtney Swains einen zweiten und dritten Hördurchlauf wert, tut sein Übriges. Boah! Waren die Vorgängeralben noch merklich zurückhaltender, greift Anna von Hausswolff hier in die Vollen und legt die sprichwörtliche Latte um etliche Meter höher.

    Ich wage zu schreiben: "Dead Magic" wird jedenfalls dort, wo es sich einfindet, ein einmaliges Album im noch jungen Jahr 2018 bleiben. Wer sonst wird es nicht nur wagen, sondern auch schaffen, aus einem uncoolen Instrument so ein prachtvolles und dabei noch konstantes Werk zu schaffen? Ich bin bewegt, man sehe es mir nach.

    Reinhören: Zur erwähnten Single gibt es ein Video, ansonsten wissen Amazon.de, Bandcamp.com und TIDAL zu helfen.

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  4. Pipapo - Kristov in der Allee der Kosmonauten (Cover)

    Als ich mich auf der Bandcampseite von Turbine Stollprona herumtrieb, um aufgrund ihrer Liedtitel ("Jens Müller wollte unbedingt ihren Vater anrufen", auf so was muss man ja auch erst mal kommen) das Album "Effekthascherei" genauer zur Kenntnis zu nehmen als zuvor, stieß ich dort auf weitere Namen von Musikgruppen ähnlichen Typs und anscheinend auch ähnlichen Humors. Unter diesen Gruppen sah ich Pipapo und war spontan amüsiert.

    Pipapo ist ein Leipziger Duo, bestehend aus einem Schlagzeuger und einem Gitarristen, und seine Musik ist rein instrumental. Ich würde trotz meines Holzohrs neben der genannten Besetzung außerdem einen Bass erkennen, jedoch ist darüber nichts überliefert. Ob die Besetzungsliste sonst überhaupt zutreffend ist, ist unklar, denn die Liste der Musiker, die die Lieder gerecordet haben, unterscheidet sich hinsichtlich der dort notierten Initialien sehr. Mit Liedtiteln wie "Ramo Zepol at Tankstelle Bockwurst" und "Goofy is not a Metalband, ok?" bin ich nichtsdestotrotz versucht, dem Duo komödiantisches Interesse nachzusagen, Texte zum Nachweis gibt es jedoch nicht. Woher der Titel des Albums stammt, ist mir unklar, das Berliner Studio, in dem es aufgenommen wurde, heißt jedoch "Allee der Kosmonauten". Nur ein Kristov ist nicht auszumachen.

    Auf die Ohren bekomme ich hier eine gelungene, von der Band "Mathrock" genannte Melange aus Psychedelic Rock und Jazzrock, weitgehend instrumental dargeboten, obwohl gelegentlich undeutliche Rufe oder auch Lachen (was is'n der Plural eines Lachens?) ertönen, wobei die Musiker angeblich von einem sonst nicht weiter erwähnten Juri K. unterstützt werden. Das macht sich bestimmt gut im Lebenslauf. Es sind "math pop prog post chemistry" im Internet herumliegende Stichwörter für "Kristov in der Allee der Kosmonauten". Es folgere daraus, wer will, was er will.

    Reinhören: Via Bandcamp gibt es Kauf, Stream und T-Shirts.

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  5. Plurals - Tri Tone (Cover)

    Zum Jahresende 2015 war ich ungeahnt begeistert von Boris' überragendem Album "asia". Ich hatte nicht angenommen, dass mich so bald noch mal ein Album so sehr fesseln würde. "Tri Tone" von Plurals aus Südengland gibt sich trotzdem große Mühe, es zu schaffen.

    Auf ihrer (nach liberaler Schätzung) siebzehnten Veröffentlichung "Tri Tone", veröffentlicht erst im März 2018, sind Plurals - daher womöglich der Titel des Albums - erstmals zu dritt, eines ihrer Mitglieder scheint ihnen abhandengekommen zu sein. Wie sie es so lange geschafft haben, von mir nicht bemerkt zu werden, verstehe ich selbst nicht. Da habe ich was nachzuholen.

    Aber erst einmal gilt es, den beim Musikgenuss eher lästigen Verstand abzuschalten, so gut es eben geht. Wie schon auf vorigen Alben sind auf "Tri Tone" zwei Stücke, angeblich das Ergebnis dreistündiger aufgenommener Ideenfindung, zu hören, die jeweils über 23 Minuten lang sind und so beide LP-Seiten ganz gut füllen. Es gibt nur Vinyl oder Download. CD-Spießer sind hier nicht willkommen. Wer aber die Geduld für Vinyl hat, der wird belohnt. Überhaupt ist "Tri Tone" sehr entschleunigend, wobei innig das wohl noch bessere Adjektiv ist. Die gespielten Drones lassen nicht viel action außer gelegentlichen Misstönen zu. "Bas Fond", was auf Französisch laut Internet "unten" heißt, baut sich langsam auf, begleitet von einem kammermusikalisch klingenden, grummelnd kratzenden Fundament werden den restlichen Instrumenten wenige Töne, diese dafür lange anhaltend, entlockt. Kein Schlagzeug, wofür auch? Dass überhaupt nichts passiere, ist allerdings eine Fehlannahme; die anschwellenden und abebbenden Töne, gerade auch gepaart mit dem durchdringenden Brummen, hinterlassen schon nach wenigen Minuten (bei mir waren es etwa acht) eine erstaunliche Gänsehaut, die die sich immer weiter verdichtende Musik tatsächlich nicht nur halten, sondern sogar mehren kann. Hui! Ich mag das.

    Dass "Bas Fond" zwischendrin auch mal nach futuristischer Fabrikhalle klingt, fällt daher auch nur auf, wenn man mittendrin reinschaltet. Wer macht denn auch so was? In der zweiten Hälfte wird die Reibefläche schrittweise erhöht, aus der Wolkenreise über einer glänzenden Fabrik wird ein heraufziehendes Gewitter über verrosteten Schornsteinen. Man bleibt gespannt, wie es wohl ausgehen wird. Die Band selbst bleibt unentschlossen: Als "Bas Fond" (etwas langweilig mit fade-out) verklingt, ist das Gewitter zwar überstanden, die Fabrik aber ist nicht mehr dieselbe, sie scheint in Flammen zu stehen. Hoffentlich ist niemandem etwas passiert.

    Im direkten Vergleich damit wirkte "Sun Lock", das auch nicht ganz so klingt, wie es heißt, beinahe sakral, wenn nicht in den ersten Minuten immer wieder ein Paukendonner erschölle. Man meint die Sonne über einer Kapelle während einer Messe aufgehen zu sehen. Musik, die wie Naturgewalten klingt, bleibt eine Rarität, was ich bedaure. Bei bloßem Schönklang belassen es Plurals aber nicht, sondern auch diesmal, beginnend ab etwa sechs Minuten, errichten sie zunächst fast unbemerkt, aber zusehends deutlicher eine disharmonische Dystopie mit einem verzweifelten Geiger mit verstimmtem Instrument in einer zerstörten Stadt. Ich weiß nicht, ob die Band sich das so gedacht hat, aber ein guter Künstler erklärt sein Werk nun mal nicht. Nicht zum ersten Mal auf "Tri Tone" fühle ich mich zur Hälfte von "Sun Lock" an besagtes "asia" erinnert, der "Talkative Lord" scheint nicht weit entfernt, seine blecherne Stimme ist im Sturm zu vernehmen. Was er sagt, ist unverständlich, aber es klingt beinahe menschlich; oder bilde ich mir das ein? Mit seiner Rede klingt auch er selbst ab, als würde er sich auflösen oder, wie es die religiöse Mythologie vorschlägt, erleuchtet. Zum Abschied spendieren Plurals mir noch einmal eine Gänsehaut.

    Ein bisschen erleuchtet fühle ich mich nach den fast 49 Minuten, die das Album dauert, jetzt allerdings auch selbst - erleuchtet und unglaublich erschöpft. Ich bin glücklich. Doch, das trifft es.

    Reinhören: Wer sich den Spaß unbedingt selbst verderben möchte, der kann vor dem Kaufen via Bandcamp.com dort auch das Album in ganzer Länge anhören.

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  6. Bardo Pond - Volume 8 (Cover)

    Noch eine Reise? Noch eine Reise!

    Auch Bardo Pond zählen hier nicht zu den völlig Unbekannten, erst im Januar dieses Jahres feierte ich das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit mit Acid Mothers Temple und Guru Guru, um es mal angemessen seltsam auszudrücken, voll ab. Ihr neuestes Studioalbum, diesmal wieder im Alleingang eingespielt, klingt zwar beinahe selbstverständlich weniger durchgeknallt, aber auf keinen Fall eintöniger.

    Weitgehend instrumental arbeiten die fünf US-Amerikaner auf "Volume 8", Fünf ist auch die Anzahl der enthaltenen Stücke, die es zusammen auf etwa vierzig Minuten bringen. Ausschweifungen halten sich hier also bis kurz vor dem Ende in Grenzen. Hippieesque mit fernöstlichen Anklängen ist "Volume 8" bereits ab den ersten Takten von "Kailash". Genres verbieten sich weiterhin. Wer Schubladen will, der mag keine Musik. Ich mag "Volume 8".

    "Flayed Wish" fließt zäh aus den Boxen wie ein entspannender Trip, was das Album sowieso ganz gut beschreibt. "Power Children" ist eine instrumentale Hippieballade, die der Wahrnehmung von Bardo Pond als (im weitesten Sinne) Psychedelic-Drone-Band eine sonst fast vergessene Nuance anfügt. Ihm folgt mit "Cud" ein ähnliches Stück, in dem eine unverzerrte E-Gitarre als einziges zu hörendes Instrument die Stimmung auf entspannendem Niveau halten darf.

    Der Höhepunkt und gleichzeitig der perfekte Kontrast zu "Cud" aber steht am Ende: Das fast siebzehnminütige "And I Will" frisst sich krautig mit heftig fuzzender Gitarre ins Ohr, Flöte und entrückter Gesang tragen selbst noch etwas dazu bei, dass man die musikalischen späten 60-er Jahre noch nicht vergangen glaubt. Die nehmen doch alle Drogen. Wie machen die das? Man sollte meinen, 17 Minuten seien lange, aber ich merke gar nicht, wie das Stück voranschreitet. Als es verklingt, kommt das jedenfalls überraschend und viel zu früh. Aber wofür gibt es denn die Wiederholen-Taste?

    Das Album, steht im Internet, versetze den Hörer in einen anderen Bewusstseinszustand. Das halte ich für untertrieben.

    Reinhören: Auch Bardo Pond sind nicht nur auf Amazon.de, sondern auch auf Bandcamp.com zu finden.

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  7. Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows - The Spiral Sacrifice (Cover)
    "Ich brauch ein neues Aug', einen neuen Sinn" (Everything is an Illusion)

    Die Band ("Musikprojekt", Wikipedia) nennt sich selbst den ewigen Schlaf mitsamt dem Ensemble der Schatten. Wer errät das Genre?

    Wenn ein Musiker erst einmal in der deutschsprachigen Wikipedia auftaucht und der Artikel nicht von mir erstellt wurde, dann ist er entweder schon sehr lange im Geschäft, macht furchtbare Musik oder will sich selbst im vermeintlich richtigen Licht darstellen. Auf Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows trifft im hektischen 21. Jahrhundert, relativ gesehen, erstere Annahme zu: Seit der Gründung im Jahr 1989 erschienen zwischen keinem und drei offizielle Veröffentlichungen beliebiger Länge und Qualität. 1994 wurde ein Album namens "...Ich töte mich jedesmal aufs Neue, doch ich bin unsterblich, und ich erstehe wieder auf: in einer Vision des Untergangs..." auf die Öffentlichkeit losgelassen, die enthaltenen Lieder tragen Titel wie "Tanz der Grausamkeit" und "Im Garten des Nichts". Nicht sehr fröhlich, die Combo.

    Aber man muss ja auch nicht immer nur fröhlich herumspringen. Über den Gründer von Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows weiß man in der deutschsprachigen Wikipedia, dass er heute "allgemein als Frau" lebe, wie auch immer man sich das vorzustellen hat. Ich wusste nicht mal, dass Frauen "allgemein" anders leben als ich, vom gelegentlichen Aufsuchen eines Pissoirs abgesehen.

    Einem insgesamt eher anstrengend zu lesenden Interview mit Frontperson Anna-Varney Cantodea, was natürlich ein Künstlername ist, entnehme ich, dass die genaue Besetzung auf diesem Album eigentlich keine große Rolle spielt, denn Kreativität und somit künstlerische Identität von Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows ist ein Ein-Personen-Spiel.

    Gemessen daran ist das hier zu Hörende aber fantastisch, und das nicht nur im textlichen Sinne. "The Spiral Sacrifice" ist, trotz des Coverbildes, erfreulich action-armer Kammerprog mit Streichern, wie ich ihn so zuletzt nur von den nicht minder fantastischen Eclipse Sol-Air gehört hatte. Zu dem ebenfalls ungewöhnlichen, aber zur vorliegenden Musik gut passenden Gesang, der in zehn der insgesamt 19 Stücke zu hören ist, gesellt sich zusätzlich ein schön grummelnder Bass, was insbesondere Kopfhörerbenutzern das zusätzliche Etwas geben könnte. Mit Eclipse Sol-Air verbindet die Band auch eine andere Gemeinsamkeit, nämlich die häufiger mal wechselnde Sprache. Überraschenderweise haben hier manchmal Lieder mit einem deutschen Titel englischsprachige lyrics und andersherum. Thematisch geht es um Tod, Abschied und dergleichen, was sich durch die Bandgeschichte wie ein roter Faden, der sich irgendwo durchzieht, zieht, wenn auch deutlich weniger theatralisch als zum Beispiel die auf andere Art hörenswerten Untoten. Das klingt womöglich jetzt nach einem Verriss, ist aber gar nicht so gemeint.

    "The Spiral Sacrifice" sei "möglicherweise" das letzte Album, ist im oben verlinkten Interview zu lesen. Falls das zutreffen sollte, ist es zumindest kein übler Abgang; falls nicht, bleibt es doch ein Album, das nicht gehört zu haben ein bisschen bedauerlich wäre.

    Reinhören: Das ist momentan auf Amazon.de und TIDAL möglich.

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  8. Man Mountain - Infinity Mirror (Cover)

    Die allsemestrige Dosis instrumentalen Postrocks wird weiter vergrößert von Man Mountain. Über Postrock heißt es aus Kreisen, deren Banausentum hier allenfalls abschätzige Würdigung verdient haben soll, dass er immer gleich klinge. Ich teile diese Auffassung nicht, denn selbst in jenen Poströcken, die mit zwei bis vier Gitarren, Schlagzeug und Bass Wände aufbauen und wieder einreißen, kann von Gleichform keine Spur sein. Diese Musik hört man nicht, man fühlt sie.

    Womit ich zu "Infinity Mirror" komme. Man Mountain aus ausgerechnet den USA (Michigan, heißt es) ist ein Quartett mit zwei Gitarren, einem Schlagzeug und einem Bass. Es gilt das alte Laut-Leise-Spiel, kaum besonders anders dargeboten als üblich, aber vielleicht gerade deshalb eine Erwähnung hier wert. Dauert ja auch nicht lange: Die sechs Stücke sind in 38 Minuten vorbei. Das passt noch rein. Mehr vom selben also? Natürlich!

    Trotzdem (oder: deswegen) wird auch "Infinity Mirror" nach einem langen Tag mit Mogwai und Meniscus nicht so schnell langweilig. Wer hier keinen Unterschied hört, dem kann ich nicht helfen, zu beschreiben jedenfalls ist und bleibt er schwer. Allein der Bass könnte vielleicht etwas lauter sein. Irgendwas ist ja immer. Kopfhörer sind jedenfalls Pflicht. Zuwiderhandlung wird mit Tzk-tzk-Geräuschen bestraft.

    Reinhören: Man schaue hierzu bei Bandcamp vorbei.

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  9. Vvlva - Path of Virtue (Cover)
    "History has shown: many good ones were killed." (Cryptic Faith)

    Was weiß man schon über Aschaffenburg? Oft nicht viel, aber zumindest die dortige Musikszene scheint etwas Aufmerksamkeit zu verdienen. Aus ihr nämlich entsprang das Quintett Vvlva, das man trotzdem hoffentlich wie "Vulva" und nicht wie "Wlwa" aussprechen soll, denn das klänge irgendwie bescheuert. Am Bass steht Dr. Michael Hock, also jemand mit aktiv genutztem Doktortitel, weiß das Internet. Von wegen Fachkräftemangel!

    Das könnte man allerdings selbst dann von der Musik nicht behaupten, jedenfalls überwiegend nicht. Die nämlich ist genau so 70er-beseelt wie man sich das vorstellt, wenn man diese Wortschöpfung zum ersten Mal liest: Auf "Path of Virtue" spielen Vvlva einen angenehm unmodernen Blues-/Hardrock mit nach Orgel klingenden Keyboards und natürlich Fuzzgitarre. So spiel'n die Deutschen - die Deutschen, die spiel'n so. Dass sich in meinen Rezensionen diese Stile vermehrt wiederfinden, werte ich als Zeichen, dass gerade eine Retrorock-Welle durch die Musikwelt schwappt. Irgendwo muss das ja herkommen. Man würde Deep Purple und Uriah Heep Unrecht tun, behauptete man, "Path of Virtue" klinge wie Deep Purple mit ganz anderem Gesang oder wie Uriah Heep überhaupt, sonst würde ich genau das jetzt tun.

    Nein, mit Schubladen und "klingt wie" haben Vvlva höchstens aus Versehen was zu tun. In "Dieb der Seelen" wird (leider zum einzigen Mal auf "Path of Virtue") auf Deutsch gesungen, anderswo gibt es musikalische Überraschungen: Dominieren in der ersten Hälfte des Albums noch alte Meister, so wagt sich die Band später in verspielte Ecken. Das Titelstück "Path of Virtue" etwa, das ich aufgrund seiner Qualität für so etwas wie den Anspieltipp des Albums halte, wird mit einer Art Kirmeswalzermelodie eingeleitet, bevor die Band nach einer halben Minute kraftvoll alles zu geben scheint, was sie hat. Sänger Tobias Ritter trägt im inbrünstigen Postpunkstil einen Refrain vor, der dem sonst eher bewegungsarmen Rezensenten ein wenig Mitgewackel auf dem Stuhl entlockt, dazwischen brillieren die Instrumentalisten mit energiereicher Siebzigerei. Dass zum Abschluss des Albums mit "Second Voice" ein lahmes Classic-Rock-Liedlein ertönt, dessen wenigstens erste Hälfte ich zu überspringen empfehle, trübt den Eindruck kaum. Die anderen sieben Stücke kann einem ja niemand mehr nehmen.

    "Path of Virtue" sei, heißt es, das Debütalbum von Vvlva. Davon bitte gern mehr!

    Reinhören: Vvlva sind, man ahnt es, außer auf Amazon.de auch auf Bandcamp.com zu finden.

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  10. Shob - Karma Obscur (Cover)

    Seit einiger Zeit beginne ich Wochen gern damit, meine Leser mit Musik zu bereichern, auf dass der Montag etwas von seinem Schrecken verliere. Im April dieses Jahres traf es Shob, was laut Onlineübersetzer ein russisches, wahrscheinlich aber ein völlig frei erfundenes Wort sowie der Künstlername eines französischen Bassgitarristen ist.

    Für "Karma Obscur", nach "Pragmatism" (2015) das erst zweite veröffentlichte Album des Herrn Shob, hat er sich prinzipbedingt eine Vielzahl an Gästen ins Studio bestellt oder sie sonstwie auf das Album bekommen. Ich zähle insgesamt 17 beteiligte Musiker, wobei diese natürlich nicht gleichzeitig überall zu hören sind. Sängerin Laurène Pierre Magnani aus eingangs verlinktem Stück scheint etwa nur dort zu hören zu sein, der Rest der Stücke ist gesanglos, obgleich in der Besetzungsliste zumindest auch Monkey D'Beasty (die Schreibweise scheint Absicht zu sein) als Beatboxer zu lesen ist. Über die einzelnen Gäste ist nur wenig zu finden, die Ausnahmen scheinen aber vor allem im Jazzrock aktiv zu sein.

    Das spiegelt sich auch auf "Karma Obscur", anscheinend ein Wortspiel mit "Camera obscura", wider, in dessen musikalischem Inhalt, man höre insbesondere "The right move", weitgehend Instrumentalfunk mit deutlichem Jazzeinschlag gespielt wird, was die Anwesenheit zweier Trompeter, eines Saxophonisten und eines Posaunisten sicherlich begünstigt. Dass die Musiker dazwischen (etwa gegen Ende von "Straight Ahead") auch mal hart rocken oder dem Mathrock ("Except I'm 65") frönen, im Titelstück "Karma Obscur" gar crimsonesque ans Werk gehen, ist dabei so beachtens- wie hörenswert.

    Andere Rezensenten beschreiben "Karma Obscur" im unerklärten Konjunktiv als "Funk-Prog für die anspruchsvolle Hörerschaft mit einem unermüdlich komplex groovenden Bassgitarristen" zusammen. Das kann man so gelten lassen.

    Reinhören: Schwierig - warum nicht mal über Bandcamp?

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  11. Hinds - I Don't Run (Cover)

    And all these random melodies sound again" (Finally Floating)

    Spanien ist nicht nur für seine Lebensmittel, seine Siestas und seine bedauerliche Innenpolitik bekannt, sondern ist auch in meinen halbjährlichen Rückblicken bisher ein wenig zu kurz gekommen. Das soll sich mit Hinds nun ändern. Hinds ("Hirschkühe") hießen bis 2014, weiß das Internet, Deers ("Hirsche"), aber die ungeahnt unhöfliche und mir unbekannterweise bereits jetzt unsympathische kanadische Musikgruppe The Dears hielt das für keinen so guten Namen.

    Die Umbenennung hatte aber nicht nur negative Folgen (wahrscheinlich war in der Folge etwas organisatorischer Aufwand vonnöten), sondern auch positive: Die Hinds sind seit ihrem Bestehen - anfangs als Duo, inzwischen als Quartett - eine ausschließlich von Frauen geführte Gruppe. Dass diese ihr aktuelles Album ausgerechnet "I Don't Run" nannte, was sämtliche Vorurteile über Frauensport... aber ich schweife ab.

    Der Titel des Albums verrät es bereits: Trotz teilweise landessprachlicher Anfänge ist die hier dominante Sprache Englisch. Das finde ich gut, denn gesungenes Spanisch steht in meiner absteigend nach Rümpfigkeit sortierten Naserümpfliste nur aufgrund des Italienischen nicht an erster Stelle. Aber auch musikalisch ist das, was auf "I Don't Run" zu hören ist, nicht zu verachten: Was von der Band selbst (oder wenigstens ihrer Vermarktungsabteilung) "Garagenpop" genannt wird, hört sich wie eine sehr sommertaugliche Surfrockvariante mit einer gehörigen Portion von heutigen Jugendlichen schon wieder fast vergessener Indiegaragenmusik (The Hives, The Strokes und so weiter).

    Dass die Hinds wenigstens gesanglich noch ein wenig Riot-Grrrl-Pathos hinzufügen, indem sie den mal ein- ("New For You"), mal mehrstimmigen ("Finally Floating") Gesang nicht popstarhaft in das ansonsten Gehörte einflechten, sondern ihn als schrillen Kontrapunkt präsentieren, rundet "I Don't Run", wie ich meine, erst ab. Wer zu lange nichts von The Velvet Underground gehört hat, dem dürften Hinds ebenso große Befriedigung verschaffen wie all jenen, die deren späte Nachfolger im Geiste leider verpasst haben. Es lebe Spanien, sozusagen.

    Reinhören: Wie auch die Vorgängeralben gibt es "I Don't Run" auf Bandcamp.com zum Stream und Kauf in vielerlei Formaten.

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  12. Brother Grimm - Home Today, Gone Tomorrow (Cover)
    "Who put 'Sax' in 'Saxony'?" (Still Afraid of Germany)

    "Home Today, Gone Tomorrow" ist beileibe kein Märchen. Der Interpret Brother Grimm, der zwar wirklich Grimm, nicht jedoch wirklich Brother heißt, kommt ausgerechnet aus Berlin, macht aber Musik, die gar nicht klingt wie Musik aus Berlin. Im blöde herumgenrenden Web kann man (hier: jemand von seiner Plattenfirma "NOISOLUTION" aus ebenfalls Berlin) sich zwischen "Geisterhausblues" und "Albträume[n] in Fuckmoll" gar nicht so recht entscheiden. Will man es? Ich will es nicht.

    Stattdessen höre ich so unvoreingenommen wie möglich, was Brother Grimm mir zu erzählen hat. Das ist leichter, wenn man sich erst Notizen zum Album macht und dann ein wenig Hintergrundgeschichte recherchiert. Zum Glück bin ich Profi; wenngleich sich meine Professionalität zu meinem eigenen Bedauern auf das bloße Hören beschränkt, Brother Grimm aber ist Macher.

    Was es ist, das er macht, in wenige einfache Begriffe zu fassen ist aber auch für mich nicht leicht, denn auch "Home Today, Gone Tomorrow" ist ein Album der Vielfalt. Brother Grimms gebrochener und dennoch intensiv-warmer Gesang verleiht jedem Lied eine beachtliche Intimität, gewiss ist sonst nichts, nicht mal die Richtung, die im nächsten Moment eingeschlagen werden wird. Irgendwo im musikalischen Geflecht zwischen Scott Walker, David Bowie und Nick Cave suchte man nicht allzu verkehrt, begäbe man sich denn überhaupt auf eine Suche.

    Das eröffnende "A Letter to Bob" bin ich als Akustikdoom zu beschreiben versucht, "Sharp's the Word" hingegen als Noiserock mit mehr als nur ein bisschen Bluesbeifügung. Moll und Blues: Häkchen dran. Das gilt für die beiden erstgenannten ebenso wie die folgenden Stücke. Mit "The Black Lodge" folgt aber erst einmal ein Instrumentalstück, düstere ("Geisterhaus-"?)Elektronik mit gelegentlichen Ausbrüchen. Fröhlich wird es auf "Home Today, Gone Tomorrow" auch nicht mehr, da können noch so viele Titel wie "Aloha" auftauchen. Wie auch "Echoes" ist dieses eher betrüblich. Wer dazu tanzt, ist selbst schuld. Unbedingt hörenswert ist der Freistilteil in der Mitte von "Aloha" aber trotzdem, begleitet von unheilvollen Akkorden. Aloha!

    Die musikalische Weltreise von Brother Grimm setzt das Weltmusiklied "Born Under Punches" fort, mit dem angejazzten "Still Afraid of Germany" wird es beinahe ein wenig radiotauglich, obwohl ich annehme, dass gängige Radiosender Lieder ohne Mitklatsch-4/4-Takt gar nicht erst anhören wollen. Das Titelstück, eine erschreckend gefällige Ballade mit Gitarre und klopfendem Bass, geht schließlich über in einen "Hidden Track", eine recht noise-umklammernde Coverversion von ausgerechnet David Bowies "Heroes", deren Darbietung aufgrund des herausgenommenen Tempos und der Instrumentaleskalation beinahe bedrohlich wirkt und deswegen ein stimmiger Abschluss für ein Album ist, das genau auf dieses versteckte Stück hingearbeitet zu haben scheint. Passt!

    Reinhören: Ratet mal!

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  13. Vantomme - Vegir (Cover)

    Kommen wir von einem Einzelkämpfer zu einer Zusammenarbeit.

    Der belgische Pianist, Komponist, Produzent, Mellotronist (u.a.) Dominique Vantomme hat für sein diesjähriges Album "Vegir", auf dem kein Gesang stattfindet, mindestens gleichwertig prominente Unterstützung gefunden. Während am Schlagzeug der vergleichsweise unbekannte Jazzschlagzeuger Maxime Lenssens sitzt, steht Michel Delville (The Wrong Object, douBt, Machine Mass) an der Gitarre, gleichfalls meist im Jazz und dessen Spielarten aktiv. Nicht aus Belgien, eigentlich nicht einmal aus dem Jazz stammt hingegen der Mann am E-Bass und am Chapman Stick, nämlich der umtriebige Tony Levin (King Crimson, Liquid Tension Experiment, Stick Men).

    Mit dessen dominantem, melodischem Bass ist konsequent während des gesamten Albums zu rechnen, was im Jazzrock - und darum handelt es sich bei "Vegir" - grundsätzlich ein gutes Zeichen ist. Die Grundstimmung ist entspannt, gar smooth, auch wenn Michel Delville von vornherein ("Double Down") den Groove mit mancher verspielter, mitunter temporeicher Freiform bereichert. Gelegentlich fühlt man sich so an die 80er- und Mitt-90er-Aufnahmen von King Crimson und deren ProjeKcts erinnert. Außer Jazz- und gelegentlich ("Agent Orange") auch Postrock darf sich der Schubladenfreund auch auf RIO/Avant ("Sizzurp") freuen, dargeboten mit Professionalität einer- und Freude am Experimentieren andererseits. Immer bloß Jazz, so schön er auch ist, wäre unter dem Niveau der vier Musiker, sie müssen niemandem mehr beweisen, dass sie Regeln beherrschen. Sie zu überwinden ist die wahre Kunst.

    "Vegir" sei, schrieb Thoralf Koß anderswo, ein "progressives Jazz-Rock-Album voller Harmonie und Experimente" und das ist fast noch ein bisschen untertrieben. Eines jedenfalls ist es unbedingt: Nicht schlecht.

    Reinhören: Auf YouTube gibt es diverse Videos, unter anderem eines, auf dem die Musiker beim Spielen von "The Self Licking Ice-cream Cone" zu sehen sind. Das gesamte Album in voller Länge gibt es via Bandcamp.com und Amazon.de als Stream und Kauf, leider aber nicht auf Vinyl.

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  14. Sammal - Suuliekki (Cover)

    "Suuliekki" heißt auf Finnisch "Mündungsfeuer". Trotzdem hat sich das finnische Quintett Sammal für sein drittes Album ein wenig Zeit gelassen, der Vorgänger "Myrskyvaroitus" wurde immerhin schon 2015 veröffentlicht. Bemerkt habe ich die Band jedoch selbst erst 2018, das auf "Suuliekki" enthaltene "Ylistys ja kumarrus" läutete im April eine Woche ein.

    Von einer "kauzigen" und "pittoresk schrulligen" Gruppe ist im Web die Rede, wenn versucht wird, Sammal zu beschreiben, was meinem ersten Eindruck durchaus entspricht. Das könnte mit dem Gesang zu tun haben, der nach dem Intro im Titelstück einsetzt und in der Landessprache stattfindet, was eigentlich sehr gut, aber doch ungewöhnlich klingt und "Suuliekki" einen beinahe folkigen touch verleiht. Auf mindestens einem Pressefoto zum Album stehen die fünf mehrheitlich haarigen Herren folgerichtig in einem Wald herum. Warum sich auf dem Coverbild zwei Pinguine anscheinend prügeln, weiß ich aber nicht.

    Die Musik selbst allerdings ist weit von Volksmusik entfernt, stattdessen höre ich Neoprog mit viel Keyboard (wer auch die leider aufgelösten Beardfish mag, der möge sich hier eingeladen fühlen), manchmal ("Vitituksen valtameri", was für eine faszinierende Sprache!) auch mit etwas mehr Gitarre. "Neoprog" ist aber vielleicht auch etwas hoch gegriffen, denn, wie sich das für skandinavische Bands gehört, bringen Sammal eine gehörige Portion retro mit. Hatten wir schon einen Vergleich mit Uriah Heep? Hier haben wir noch einen.

    "Am Ende", schrieb "Mario" für das "HandwrittenMag", seien Sammal aber "einfach nur Sammal", für einen Geheimtipp seien sie jedenfalls zu schade. Dem kann ich beipflichten und hoffe, hiermit meinen Beitrag zur Verbesserung geleistet zu haben.

    Reinhören: Auf Bandcamp.com kann man das Album zwar hören und kaufen, aber leider zurzeit nur als "digitales Album", also als flüchtige Kopie. Für Anspielen und handfeste Tonträger rate ich zu Amazon.de.

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  15. Chromium Hawk Machine - Annunaki (Cover)

    Keine Sorge: Mit Enten hat "Annunaki" nichts zu tun. Die eigentlich anders geschriebenen Anunnaki waren, glaubt man ausnahmsweise den Inhalten der Wikipedia, vielmehr die mesopotamischen Götter der Unterwelt.

    Um so erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet eine Space-Rock-Gruppe ein Album dieses Titels aufnimmt, denn mit dem Weltall hat die Unterwelt ja nur bedingt etwas zu tun. Chromium Hawk Machine aus den USA sind das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Helios Creed, Gitarrist von Chrome, und Nik Turner, mit einer Unterbrechung bis 1984 bei Hawkwind an Saxophon und Flöte tätig. Das könnte den Bandnamen erklären. Mit ihnen in der Band ist Jay Tausig an Schlagzeug, Synthesizern und Bass, der aber, so weit ich das herausgefunden habe, nie in einer Gruppe gespielt hat, die irgendwas mit "Machine" hieß. Vorn auf dem genreüblich schrecklichen Coverbild prangt jedoch vor allem der Name Nik Turners in genreüblich schrecklicher Schrift, der dort als einziger der drei Musiker komplett in Großbuchstaben zu lesen ist. Ehre, wem Ehre gebührt. Laut Internet ist "Annunaki" bereits seit 2017 zu haben, die Bandcampseite zum Album behauptet aber, die Veröffentlichung sei erst am 28. Februar 2018 erfolgt. Ich bin mal mutig und nehme es in diese Liste auf.

    Das Album beginnt mit hektischem RIO/spacigem Jazzrock unter bestmöglicher Ausnutzung der Stereotechnik, nicht unähnlich der Hochphase von Gong, vermengt mit Sprachfetzen: "Cosmic Explosion", bereits eine Viertelstunde lang, ist genau das, was sein Titel behauptet. Erstmals erscheint (verzerrter) Sprechgesang, den sich auf dem Album Nik Turner und Helios Creed teilen, wie anderswo zu lesen ist. Ich wage keine Zuordnung, stelle aber fest, dass Spacerock und Sangeskunst miteinander tendenziell eher mittelgut harmonieren.

    "Time and Terraforming" und "Buttercups and Poppeyfields" sind nervöser Industrial/Noise/Stoner Rock mit Flöte, Saxophon und Klimax, vermutlich war hier eher der Chrome-Teil federführend. Im "Titelstück" - naja, "Annunaki Come" - wird wieder mehr gesprochen als gesungen, was gut ist, denn der Sänger orientiert sich auch hier an den Gong der 1970-er Jahre. Daevid Allen war nie ein besonders überragender Darbieter von Melodien. Bei "Another System (The Adam is Born)" handelt es sich um eine Art melodischen Spacefolk, mein Hirn assoziiert sofort Circulus, aber auch The Moody Blues; es folgt ein ausgedehnter Instrumental-Industrial-Teil mit zusehends stärkerem Jazzfundament.

    Überraschungen? Aber gern! "Crying Moon, Dying Sun" ist der schwer schleppende Gegensatz zum vorherigen Stück. Es ist 32:26 Minuten lang. Andere machen mit dieser Zeit ein ganzes Album voll. Es gibt groovenden Bass und schneidende Gitarre, etwa zur Hälfte auch ein wenig Can in ihrer besonders rohen Frühphase und vergleichbar krautig-elektronische Zeitgenossen. "They're Buying Time" und "My Fuzzy Fantasy" sind schließlich zwei schön groovende, luftige Spacerock-Kleinode mit (wiederum) Flöteneinsatz zum Abschluss des Albums. Auch "My Fuzzy Fantasy" kommt nochmals auf beinahe 20 Minuten Dauer, insgesamt bekommen Chromium Hawk Machine hier eine Stunde und 46 Minuten und damit zwei CDs voll, ohne dabei irgendwelche Längen zu erzeugen, die man lieber schnell überspringen möchte.

    Da wäre jedes Reinhören beinahe verschwendet. Wer es denn unbedingt trotzdem tun möchte: Bandcamp.com steht zur Seite.

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  16. Neurosenblüte - Disziplin AKUT (Cover)

    Im Sommer 2016 tauchte erstmals die bizarre Hamburger Musikgruppe Neurosenblüte in meinem Wahrnehmungsfeld auf. Ich freute mich damals über eine "Rezension, die sich sozusagen von allein schreibt", indem ich einfach den Werbetext zum Album übernahm.

    Auch diesmal haben sie selbst einen geschrieben. Auch diesmal ist er besser als alles, was ich dazu schreiben könnte:

    Auf DISPLIZIN AKUT verzichten wir auf jeglichen Gesang und liefern ein etwa einstündiges Instrumentalbum, das sich wieder mal unsittlich quer durch die Musik fummelt.

    Neben Reihentechniken und freier Atonalität gibt es natürlich wieder reichlich krumme Dinger, Polymetrik aus dem stevesten Reich, eine klassische "Sweet", die sich nicht gewaschen hat und ein wenig improvisierten Schabernack, als nervenerodierende Intermezzi.


    Auf der Bandcampseite zum Album ist außerdem zu lesen:

    Comes in a nice "Kartonstecktasche".


    Welches andere Album kann das schon von sich behaupten?

    Reinhören: Na gut, einmal Bandcamp geht noch.

    War es das schon? Fast! Weitere Alben im Schnelldurchlauf:

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  17. Cabbage - Nihilistic Glamour Shots

    Trotz textlicher Ärgernisse - so scheint "Molotov Alcopop" etwa ein Loblied auf Molotowcocktails zu sein - ist "Nihilistic Glamour Shots" wenigstens musikalisch undoofer Postpunk (beziehungsweise Country, "Exhibit A") mit 70er-Charme. Amazon.de.

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  18. Malady - Toinen toista

    "Toinen toista" ist epischer (allein "Nurja puoli" ist bereits 23 Minuten lang!), mitunter crimsonesquer Psychedelic Rock aus Finnland mit Flöte, Streichern und unpeinlichem Gesang in der Landessprache. SoundCloud, TIDAL, Amazon.de.

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  19. le_mol - Heads Heads Heads

    Hier gibt es instrumentalen, um Soundscapes herum entwickelten Postrock aus Wien mit großen Vorbildern zu hören: Das dritte Stück, auf dem es dann endlich auch einmal etwas lauter wird, heißt "le_mol fear Mogwai", aber die beiden Österreicher arbeiten daran, selbst eine Furcht einflößende Gitarrenband zu werden. Bandcamp.com.

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  20. BlackWater HolyLight

    Die US-amerikanische Damencombo BlackWater HolyLight spielt auf ihrem Debütalbum einen erstaunlich dunklen Bluesrock mit Postpunkanleihen, der trotz des Bandnamens doch erfreulich unchristlich heraufdonnert. Bandcamp.com.

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  21. Hot Snakes - Jericho Sirens

    Kalifornische, energetische Rockmusik, der man ihre sommerliche Herkunft begeistert anhört. Bandcamp.com.

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  22. Demob Happy - Holy Doom

    Was aussieht wie Doom und heißt wie Doom, ist manchmal gar kein Doom, sondern beatlesquer Sommerrock - und damit jetzt gerade genau das Richtige. Amazon.de, TIDAL.

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  23. DDENT - Toro

    Ausgerechnet Franzosen errichten unter Zuhilfenahme instrumentalen, fantastisch dröhnenden Post-Metals mit flirrenden Gitarren bunte Klangwelten, die gelegentlich den Ausbrüchen Meniscus' wenigstens ähneln. Bandcamp.com.

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  24. Black Moon Circle - Psychedelic Spacelord

    In einem einzigen fast 47-minütigen Stück exerzieren die mir zuvor unbekannten Norweger Black Moon Circle gemeinsam mit den Synthesizern des Øresund Space Collectives den im Hardrock der 1970er Jahre verwurzelten, psychedelisch gejammten Spacerock mit Gesang, Orgel und Geige (Geige!) vortrefflich durch. Bandcamp.com.

Und sonst so? 2018 erst mal nichts, in den letzten Jahrzehnten dafür eine Menge!

2. Alt und schön.

  • Vor 40 Jahren:

    1978, nach dem Hardrock und vor dem New Wave, befand sich die Musikwelt in einer Kreativität fördernden, weil instabilen Phase. Der in großen Schüben erfolgende Umbruch in der Musik rückte einstige Konstanten aus dem Blickfeld, Cans zehntes Studioalbum Out of Reach hieß insofern schon ganz richtig. Ausgerechnet die Rolling Stones zollten auf Some Girls sowohl dem Punk ("Shattered") als auch der Discomusik ("Miss You") Tribut. Die im Vorjahr gegründete italienische Punk- und spätere New-Wave-Band Decibel veröffentlichte unter dem Namen Punk ihr Debütalbum, ließ aber später leider kein Album namens "New Wave" folgen. Während sich wenigstens Jethro Tull mit Heavy Horses noch bedingungslos treu blieben, ob nun im Guten oder im Schlechten, war das Ende der Veränderungen noch längst nicht erreicht: In England nahm die Punkband Warsaw ihr erst 1994 veröffentlichtes Debütalbum auf, beschloss aber noch während der Aufnahmen eine Namensänderung. Sie sollte fortan als Joy Division bekannt werden.

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  • Vor 30 Jahren:

    Zehn Jahre später war außerhalb des undergrounds nicht mehr viel Bewegung zu verzeichnen: Während dort Skinny Puppy mit VIVIsectVI verstörten, die kurzlebige Thrash-Metal-Band Realm mit Endless War debütierte und die arbeitswütige Post-Punk-Gruppe The Fall ganze zwei Alben (The Frenz Experiment und I Am Kurious Oranj) veröffentlichte, implodierte das, was oft als "Deutschrock" verallgemeinert wird: Die noch nicht gänzlich zu einer lauteren Schlagerband verkommenen Toten Hosen vertonten auf Ein kleines bisschen Horrorschau die ungefähre Handlung von "Uhrwerk Orange", die Droogs von den Die Ärzte - das "Die" sei, heißt es, Teil des Bandnamens und damit nicht zu deklinieren - hingegen ließen ihre Karriere im gleichen Jahr mit einem mittelgroßen Knall (Das ist nicht die ganze Wahrheit ..., Nach uns die Sintflut, anschließend Auflösung) ein vorläufiges Ende nehmen.

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  • Vor 20 Jahren:

    Die inzwischen, geringfügig umbesetzt, wieder vereinten Die Ärzte veröffentlichten 1998 auf 13 das bis heute einzige Lied ihrer Karriere, das ihnen bis heute peinlich ist. Es wäre falsch, sie dafür anzuprangern, denn auch der Autor dieser Zeilen durchlebte im selben Jahr eine im Nachhinein recht peinliche Phase, prall gefüllt mit den gerade aktuellen Werken von Madonna, WestBam, Space Frog, Fatboy Slim, Music Instructor und dergleichen. Dass 1998 außerdem Tortoise mit TNT und Ruins mit Vrresto unbedingt hörenswerte Alben veröffentlichten, konnte ich nicht ahnen. Zum Glück hat sich das später gelegt.

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  • Vor 10 Jahren:

    2008 begann der Aufstieg der anscheinend bis heute bestehenden Rockband 1000 Robota, die im selben Jahr eine EP (Hamburg brennt) und das Album Du nicht er nicht sie nicht auf den Markt werfen ließen. Seit 2010 gab es jedoch kein weiteres Album von ihnen. Auch Cogs herrliches Sharing Space blieb das letzte Album vor deren Auflösung. Gerade erst angefangen haben auch die deutschen Postrockwunder Dear John Letter mit Between Leaves | Forestal, dem ich "zeitnah", wie es auf Neudeutsch heißt, eine Rezension gewidmet hatte. Ob sie noch existieren, weiß ich leider nicht, einige der Mitglieder machen mit Carpet jetzt jedenfalls nicht mehr ganz so gute Musik. Weiterhin existieren ihre Landsleute von Blackmail, die 2008 das Album Tempo Tempo veröffentlicht haben, und auch die Macher des Albums Violently Delicate, die israelischen Musiker von Eatliz, sind bis heute zusammen, wenn auch nach mancher Umbesetzung längst nicht mehr so berauschend wie noch vor einem Jahrzehnt. Man wird sehen, wie ich in zehn Jahren darüber urteile.

Wie üblich gilt: Habe ich ein Album übersehen, freue ich mich unter Umständen - so lange Phil Collins nicht mitspielt - über einen Hinweis. Der zweite Teil wird, ebenfalls wie üblich, voraussichtlich am Jahresende folgen. Hoffentlich macht das Jahr in dieser Qualität weiter!
Ein intelligenter Mensch ist manchmal gezwungen, sich zu betrinken, um Zeit mit Narren zu verbringen.
(E. Hemingway)
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