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Die besten Alben 2015

Alles was sonst nirgends passt!

Die besten Alben 2015

BeitragAuthor: Tuxman » Fr 25. Dez 2015, 16:46

Die bisher schönste Nachricht des Jahres 2015 war es, dass Phil Collins nie wieder ein Lied komponieren möchte. Das ist vielleicht in der gewaltigen Nachrichtenmenge völlig untergegangen; vor nicht allzu langer Zeit berichtete Stefan Niggemeier in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" davon, dass Claus Kleber anlässlich seiner Honorarprofessur beklagte, dass die Jugend zu einem bedeutenden Teil Nachrichten nur noch häppchenweise statt in vollständiger Darbietungsform zur Kenntnis nehme; im selben Artikel war davon die Rede, dass es Nachrichten also so gehe wie Musik. Offensichtlich ist die Jugend über die Schönheit aktueller musikalischer Kleinode gar nicht mehr informiert (das liegt bestimmt an den zu kurz zusammengefassten Nachrichten). Höchste Zeit also, dass wir uns wieder einmal mit der primasten Musik des Jahres 2015 befassen.

Wie gewohnt haben auch diesmal manche Alben einen zeitlichen Vorsprung, nämlich die bereits zuvor empfohlenen neuen Werke von Godspeed You! Black Emperor, Katie Dey, Grünlich Grau sowie The Hirsch Effekt; aus dramaturgischen Gründen bleiben sie als Empfehlungen bestehen, werden aber kein zweites Mal rezensiert.

Apropos Drama:

1a. Musikalische Kleinode

  1. Magma - Šlağ Tanz (Cover)

    "Schlagtanz"? Nein, keine Sorge, mit Folk möchte ich euch noch nicht schockieren. Magma haben nach ihrem bislang letzten Opus Magnum "Ëmëhntëhtt-Ré" aus dem Jahr 2009 eine turbulente Veröffentlichungspolitik geführt: Mit "Félicité Thösz" kam 2012 ein (für Bandverhältnisse) ziemlich fröhliches Quasipopalbum heraus, 2013 und 2014 jeweils ein Livealbum aus unterschiedlichen Bandepochen, zuletzt 2014 mit "Rïah Sahïltaahk" eine EP, die das gleichnamige Stück von 1971 als neues Arrangement enthielt. Jetzt also "Šlağ Tanz".

    Mit nicht einmal 21 Minuten Laufzeit wäre es vielleicht vermessen, hier wieder von einem "Album" zu sprechen; aber so lange die Qualität stimmt, wollen wir uns mal nicht beschweren. Außerdem haben wir es hier immerhin mit dem ersten mehr oder weniger neuen output im guten, alten hymnisch-repetitiven Zeuhl-Stil seit 2009 zu tun.

    Die Besetzung hat sich nicht geändert, das Oktett von "Rïah Sahïltaahk", dessen Kern (Christian Vander, Stella Vander, Isabelle Feuillebois, James Mac Gaw, Phillipe Bussonnet) seit der Studioreunion von 1998 ("Floë Ëssi / Ëktah") gemeinsam spielt, trat also auch hier wieder zusammen.

    Von "Jazz Metal" spricht ein Aufkleber, aber mit Metal haben wir es hier zum Glück auch weiterhin nicht zu tun, sondern mit dem musikalischen Gegenstück zu "Félicité Thösz", das bereits vor vier Jahren auf Konzerten den Kontrast zum damals ebenfalls neuen "Šlağ Tanz" bildete, dessen Dissonanz und harsche Rhythmik dem alten Magma-Hörer wohl zu gefallen vermögen. Wie King Crimson haben es indes auch Magma nie geschafft, ihren ersten Sänger (seinerzeit Klaus Blasquiz) im Laufe der Jahre adäquat zu ersetzen, Hervé Aknin intoniert ungewöhnlich exaltiert und lässt Magma in schwächeren Momenten eher italienisch klingen, was, wie regelmäßige Leser wissen, in der Progressive-Rock-Szene sangestechnisch von minderer Güte scheint; in den stärkeren aber freuen wir uns, dass Magma mit dem herausragenden Bassisten Phillipe Bussonnet und eben auch Hervé Aknin eine Erneuerung erfahren haben, die erfreulich ist. Magma bleiben sich musikalisch vielleicht auch wegen der neuen Köpfe noch im 46. Jahr ihres Bestehens treu, ohne sich zu wiederholen. Mir gefällt's.

    Hörproben: Auf YouTube lässt sich in "Šlağ Tanz" hineinhören, auf Amazon.de gibt es Kauf- und Hörschnipselmöglichkeiten.

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  2. –isq - Too (Cover)
    "So the darkest of places has room for a light" (Tears of a Clown)

    Oh, ist das schön. Wirklich, wirklich schön.

    Das Londoner Quartett mit dem eigenartigen Namen –isq, das in launiger Stimmung auch schon mal Nirvana covert, lässt mich mit seinem zweiten (haben wir hier etwa ein Wortspiel versteckt?) Album "Too" vergebens nach geeigneten Synonymen suchen, was man einer Jazzcombo, deren Pianist, wie man vielerorts liest, bereits mit ausgerechnet Björk zusammengearbeitet hatte, eigentlich nicht zugetraut hätte, aber was wäre Musik ohne Überraschungen?

    Melancholie fasst "Too" möglicherweise gut zusammen, gebrochene Herzen stehen Pate für Texte und Musik. Die mir bedauerlicherweise zuvor völlig unbekannte Sängerin Irene Serra, geboren in Italien, aufgewachsen in Dänemark und reüssiert in den Jazzclubs Großbritanniens, trägt ihren Teil dazu bei, sie singt mit einem Weltschmerz, dass es einem beinahe frösteln würde, aber die Gänsehaut ist eine wärmere, angenehmere; will sagen: Fesselspielchen für die Ohren.

    Dabei unterscheiden sich die Stücke eigentlich nur in der Intensität; behutsam und zurückhaltend wie das beinahe minimalistische "The Bird Has Flown", soulschwanger wie das bedrückende "Falling Stars" oder ergreifend wie das längst ohrwurmtaugliche bis -grenzüberschreitende "Zion", jedes Stück trägt seine eigene Signatur und bleibt dennoch ein Stein im Mosaik.

    "Too" ist wie ein Musik gewordener Abend im Ohrensessel mit einem Glas besten Single Malts.

    Habe ich schon erwähnt, wie schön es ist?

    Hörproben: Auf YouTube gibt es zum Beispiel ein Video zu "Zion" sowie eine Livedarbietung von "Falling Stars" anzusehen. Wer es ohnehin nicht so mit Handfestem hat, der kann auf Amazon.de das Album im MP3-Format kaufen.

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  3. The Brian Jonestown Massacre - Musique de Film Imaginé (Cover)

    Nicht, dass ihr mir hier noch einschlaft vor lauter Ruhe: The Brian Jonestown Massacre haben gerade mal ein Jahr nach dem Vorgängeralbum "Revelation" wieder nachgelegt und präsentieren nunmehr "Musik für einen eingebildeten Film", wobei das ja nur zum Teil so stimmt.

    Zum Einen nämlich hat, wie es heißt, Anton Newcombe das Album nur mit den Gastmusikerinnen Stéphanie "Soko" Sokolinski (einer wohl nicht ganz unbekannten Goth-Pop-Musikerin) und einer gewissen Italienerin namens Asia Argento zusammen aufgenommen, womit es unter dem Bandnamen The Brian Jonestown Massacre eigentlich formell falsch aufgehoben ist, zum Anderen gibt es mit der Pariser Filmkultur der 1950-er Jahre offenbar ein reales Vorbild. Das nämlich hat die "Musique de Film Imaginé" mit mancherlei Album von Mogwai gemein: Das ganze Werk ist eigentlich vertontes Kino. Sein Schöpfer gab hierzu zu Protokoll:

    Das Album, das Sie gleich hören werden, ist eine Tonspur, meine eigene Kreation, ein Tribut den großartigen Regisseuren und Filmmachern aus einer Ära, die nun hinter uns zu liegen scheint. Es ist den Klugen überlassen, sich vorzustellen, dass diese Kunst nunmehr im Schatten seiner früheren Glorie liegen könnte. Das Interessante an diesem Projekt ist allerdings, dass auch der Film nicht existiert. Trotzdem habe ich mir seine Tonspur ausgedacht und sie umgesetzt... Nun sind Sie an der Reihe, Sie als Zuhörer müssen sich den Film vorstellen.


    Was auch erklärt, wieso selten und dann auch noch ausgerechnet auf Französisch gesungen wird. Analog zum film noir steht mir der Sinn danach, hier von musique noire (nicht aber von der gleichnamigen Band) zu reden. Am Ende, so schreibt's das Internet, sei alles Oboe und Fagott; ein expressionistisches Meisterwerk in Noten oder ein vertontes Drama des großen französischen Films. Nach sechzig Jahren war eine solche Hommage, andererseits, wohl überfällig.

    Hörproben: Auf Amazon.de gibt es halbminütige Hörproben zu, nun, hören.

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  4. Arcane - Known/Learned (Cover)

    Von französischer Düsterheit ist es ein immer noch weiter Weg zu australischem Progressive Metal, aber da's draußen gerade Wanderwetter ist, nehmen wir das mal auf uns.

    Mit "Known/Learned" haben Arcane ein Doppelalbum veröffentlicht, dessen erste Seite ("Known") die härtere darstellt. Möglicherweise ist der Titel so zu interpretieren, dass man den Progressive Metal von der Band schon kannte und nun auch noch die zweite Seite ("Learned") in Form von ziemlich überzeugendem Progressive und/oder Alternative Rock kennen lernt. Nun sind 2015 schon fast zwei Stunden Laufzeit ziemlich viel, das Publikum verliert ja mit den Jahren an Aufmerksamkeit, also muss man es spannend halten. Arcane schaffen das übrigens.

    Aber fangen wir mal vorn an: "Known" ist tatsächlich nichts Neues, Progressive Metal mit ordentlich Gitarre, Schlagzeug und Klavierklängen. Das heißt natürlich keinesfalls Langeweile, langweiligen Progressive Metal gibt es wahrlich zur Genüge. Arcane machen vieles anders, angefangen beim angenehm unanstrengenden Gesang bis hin zur merkwürdigen Verschränkung der beiden Teile ineinander; so gibt es auf "Known" einen 23-minütigen Progressive-Metal-longtrack namens "Learned" und auf "Learned" ein fast dreiminütiges Schmacht-Popstück namens "Known". Das letzte Stück auf "Learned" heißt "Promise (Part 1)" und das erste auf "Known" "Promise (Part 2)". Wo ist hier der Anfang, wo ist hier das Ende? Vielleicht ist "Known/Learned" auch ein Endlosalbum, das wäre mal erfrischend. Trotzdem wird es Zeit für einen Scheibenwechsel.

    "Learned" erinnert mich, so weit es meine Notizen hergeben, an die fürchterlichen Placebo, allerdings ohne den Jaulgesang, der die Fürchternis erst hervorruft. Mitunter scheinen echolyn durch, der jazzige Bass der meisten Stücke fügt eine weitere interessante Nuance hinzu.

    Wo Pain of Salvationqualitativ noch gehörig scheiterten, beim Umschwenken von Metal auf Artrock nämlich, machen Arcane vieles einfach richtig. Eine hörbar gereifte Band lotet ihre Grenzen aus, ohne sie zu überschreiten, und weiß mit ungewohnten Klängen positiv zu überraschen. Wie wohl der Nachfolger klingen mag? Dieses Album jedenfalls ist bereits ein feines.

    Hörproben: Amazon.de hat halbminütige Schnipsel auf Lager, einen Komplettstream gibt es auf YouTube und zum Beispiel TIDAL. Viel Vergnügen.

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  5. Paisley Tree - Paisley Tree (Cover)

    Zurück nach Deutschland: Über Weinheim in Baden-Württemberg ist nicht viel bekannt, dennoch gibt es dort offensichtlich eine als kulturell zu verstehende Szene, die in jüngerer Vergangenheit offensichtlich ein wenig auszuufern begonnen hat.

    Die Krautrockband Space Debris zum Beispiel, die erst 2014 ihr aktuelles Studioalbum "Phonomorphosis" veröffentlicht hat, behauptet von dort zu stammen. Andere Bands brauchen viel Zeit zwischen zwei Studioalben, Space Debris aber scheinen die Kreativität geradezu auszustrahlen. Nur nicht rasten, nur nicht ruhen. Kurzerhand wurde - sozusagen als Nebenprojekt - vom Schlagzeuger Christian Jäger gemeinsam mit der gelegentlichen Sängerin Magic Petra (was für ein obskurer Name!) die Band Paisley Tree gegründet.

    Musikalisch ist Paisley Tree wie auch die Stammband tief in den musikalischen 70-ern verwurzelt, bedient allerdings eher die Hardrock- als die Hippieklientel. Auf Keyboards wird allerdings verzichtet, Magic Petra spielt, wenn sie gerade nicht singt, stattdessen Mundharmonika. Moment, Mundharmonika?

    Nein, dies ist kein Folk, wie ihn Bob Dylan einst spielte, dies ist Posthardstonerrock mit dem gewissen Extra, als würden die alten Herren von Cream noch mal LSD einwerfen und losjammen. Fast am Ende und doch irgendwie im Zentrum steht das zehnminütige "Doppelstück" "Far Away & Colour Trip", dessen Name allein bereits Charme versprüht und das ich hier einfach einmal als Beispiel anführen möchte. Wer aber aufgrund des Titels bloße uninspirierte Blumenkraft-Hymnen erwartet, der liegt doch etwas daneben. Es beginnt mit einer guten alten Bluesrock-Gitarre, erinnernd an frühe Glanztaten der Rolling Stones, bis "Magic Petra" druckvoll, aber hippieesk ihre Stimme ertönen lässt - halt: Duettgesang (leider ist nicht ersichtlich, welchem drei Herren die zweite Stimme innewohnt) kann sie auch - und nach gerade einmal zweieinhalb Minuten eine bridge auf der Mundharmonika erklingen lässt. Mit Stücken wie diesem könnte man einen Film über die Jugend der späten 1960-er Jahre eigentlich recht gut untermalen. Und Gitarrensoli, immer wieder feine Gitarrensoli, begleitet von einem angenehm zu hörenden, druckvollen Bass und einem Schlagzeug, dessen Besetzer Christian Jäger auf einen 4/4-Takt erfrischend wenig Wert legt.

    In den von den Musikern selbst gewählten tags für "Paisley Tree" sind Jefferson Airplane, Led Zeppelin, garage rock und Weinheim. Ich wage keine Einwände.

    Hörproben: Das ganze Album lässt sich auf Bandcamp.com vollständig anhören, auf Amazon.de gibt es Vinyl und CD dazu.

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  6. Juleah - Melt Inside The Sun (Cover)
    "Joyful weariness is my reward, and the wild machine I turn into" (Wild Machine)

    Ein Gutes, immerhin, hat es, dass Bandcamp wiederkehrende Nutzer gelegentlich per E-Mail über interessante neue Musikalben informiert - auf diese oder eine ähnliche Art wurde ich auf das diesjährige Album "Melt Inside The Sun" der Österreicherin Julia Hummer alias Juleah - regelmäßige Leser haben schon mal was von ihr gehört - aufmerksam.

    Wie passend doch zur diesjährigen Hitzewelle dieses Album benannt ist, ist zum Zeitpunkt dieser Niederschrift zwar wahrscheinlich nur noch eine schwächer werdende Erinnerung, aber die Psychedelik des Bildes vom Zerfließen bleibt Programm. Die Raveonettes sind hier so präsent wie die späten Talk Talk, der Gesang selbst ist allerdings so vielschichtig wie ich es selten gehört habe. Wer eine angenehme Singstimme bei Solomusikerinnen heutzutage oft vermisst: Hier habt ihr euer Gegenbeispiel.

    Trotzdem ein Fokus auf die Musik, denn die ist keineswegs nicht der Rede wert. Von einem "Kaleidoskop für [die] Ohren" spricht die Plattenfirma, der "New Musical Express" siedelt Juleah dort an, wo Mazzy Star und die britischen Shoegazer von Ride einander treffen. Mark Simpson entdeckt darüber hinaus Ähnlichkeiten mit Led Zeppelin, T. Rex und Tinariwen, wobei ich mit letzteren beiden Bands nicht ausreichend vertraut bin. Klar ist: Hier obsiegt, was die Künstlerin selbst als Dreampop bezeichnet und unsereins als Stoner-Rock zu kennen meint.

    Augen zu und nicht durch, sondern mitten rein. Ein musikalischer Sommer auch im Winter.

    Hörproben: Erfreulicherweise ist das komplette Album auf Bandcamp.com zu hören.

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  7. Ra - Scandinavia (Cover)

    Apropos psychedelisch.

    Ra, einer der Namen des altägyptischen Sonnengotts, hat in der Musik einige Spuren hinterlassen, die bekanntesten Vertreter sind möglicherweise die belgische Band Amenra und die Jazzlegende Sun Ra. Im eher kühlen Malmö hat man indes darauf verzichtet, die Verbindung zur Sonne allzu deutlich hervorzuheben; das Quartett, das in diesem Jahr nach langem Warten ihr Debütalbum namens "Scandinavia" veröffentlichte, nennt sich schlicht Ra.

    Nebenbei straft die Band all jene Lügen, die bislang dachten, aus Schweden kämen ausschließlich Metalbands, wie Peter mit seinem gewohnt guten Gespür bereits feststellte:

    Zu hören gibt es Musik in Schwarz, druckvollen, lärmenden Post-Punk und psychedelischen Shoegaze, schrammelnde Gitarre, Feedbackorgien, rabiaten Gesang und ein paar wirklich eingängige Hymnen.


    Vergleichen möchte ich Ra mit Joy Division und den Smiths und tu' damit wenigstens allen Genannten gleichermaßen Unrecht, weil hier die melancholische Note erfreulicherweise völlig fehlt. Ra, das ist bretternder Postpunk mit viel Hall und, weil's so selten zutrifft, mit Eiern. Sehr lobenswert.

    Hörproben: Bei TIDAL gibt es das Album zum Kompletthören, einzelne Stücke gibt es auch bei SoundCloud. Fanrastisch. (Entschuldigung.)

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  8. Black Space Riders - Refugeeum (Cover)

    Die Black Space Riders sind eine mittlerweile fünfköpfige Space-Rock-Band aus Münster, die nach dem Eintritt von Sänger und Texter "Seb" 2014 ihr drittes Album "D:REI" veröffentlicht hatte, das überwiegend auf positive Kritik stieß.

    Hier also liegt ihr aktuelles Werk vor. Wenige Titel könnten 2015 aktueller sein als "Refugeeum", offensichtlich ein Kofferwort aus "Refugee" ("Flüchtling") und "Refugium" ("Zuflucht").

    Das sei kein Zufall, behauptet die Band:

    REFUGEEUM, wie in "refugees" wie auch in "Refugium". Tief bewegt davon, was derzeit auf diesem Planeten geschieht, hat die Band ihre Wanderungen durch den Weltraum zumindest thematisch verlassen und sich stattdessen einem irdischen, ewigen Problem zugewandt; einem Problem, das traurigerweise wieder aktuell ist: Flucht und Vertreibung - Verlust der Heimat - abgrundtiefes Leid - der Wille zu überleben - Hoffnung für das, was kommen mag - Gejagter und Jäger - Opfer und Täter - Akzeptanz und Zurückweisung.


    (Frei übersetzt von mir.) Von einer vertonten Flüchtlingskrise zu sprechen wäre allerdings hier durchaus verfehlt, dafür ist es zu angenehm.

    Obwohl man ja zunächst einmal gar nicht so genau weiß, wohin man hier flüchten soll, lauert doch gleichsam an jeder Ecke eine neue (meist positive) Überraschung. Und die Texte, die Texte. "My dear, what happened to us when the madness began?" (Universal Bloodlines). Wisst ihr noch, wo ihr wart? Man traut sich ja fast nicht, hier mit leicht verdaulichen Etiketten um sich zu werfen, weil es zwischen psychedelischem Metal ("Vortex Sun"), Tindersticks-Stimmung und Talk-Talk-Postrock, wie einst bei Yes vorgetragen von einer Doppelspitze ("Seb" und "Je"), hier eine Menge zu entdecken gibt.

    Das überlasse ich dann einfach mal euch.

    Hörproben: Einen Stream des Albums hält Bandcamp.com vorrätig. Natürlich mit Texten. Reinhören und Mitlesen sind empfohlen.

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  9. Boris - asia (Cover)

    Vorhin noch waren wir in Scandinavia, nun wechseln wir den Kontinent. Eine musikalische Weltreise bringt manchmal überraschend schnellen Fortschritt.

    Die Genreignoranten Boris sind regelmäßigen Lesern meiner Texte wahrscheinlich bekannt. 2015 legten die Japaner wieder einmal nach, diesmal mit ihrem immerhin schon zweiundzwanzigsten Studioalbum, das aus nur drei Stücken besteht und, limitiert auf 1.000 physische Exemplare, gemeinsam mit den am selben Tag veröffentlichten 20. und 21. Studioalben "warpath" und "urban dance" ausschließlich auf Konzerten und im Onlineladen der Plattenfirma Inoxia zu haben ist. Großbuchstaben sind so 90er beziehungsweise auch nicht; in der "Designsprache" von Boris stehen Großbuchstaben für Rockmusik und Kleinbuchstaben für Experimentelles. Das klingt doch viel versprechend. Wer aus folgender Rezension heraus ein Interesse an "asia" entwickelt, dem seien insofern auch die anderen beiden Alben angeraten.

    Allerdings beginnt es erst mal bedächtig. Die Zusammenarbeit mit Sunn O))) hat offenbar Spuren hinterlassen. "Terracotta Warrior" beginnt mit anschwellendem elektronischem Brummen, es gesellen sich Effekte hinzu. Irgendwie bedrohlich. Minutenlang passiert also einerseits eine Menge und andererseits eigentlich nicht viel, bis die summende Höllenmaschine allmählich die Fahrt durch eine Geisterbahn aufnimmt. Eigenartiges instrumentales Flehen reißt den Hörer aus der Verwirrung oder macht sie vollständig. Eine schneidende E-Gitarre legt sich langgezogen über die sich vor dem geistigen Auge langsam ausbreitende futuristische Wüsten- und Geisterstadt. Von beiden Seiten heulen eigenartige Winde.

    Plötzlich: Merkwürdig verzerrtes Wasserrauschen. Die Geisterbahn hat Wildwasser erreicht. Unruhig schwappen die Wellen an den Rändern hoch, man ahnt, dass ein Wasserfall nicht fern ist. Das Wasser wird schneller, immer schneller und - Stille, durchschnitten von Klagelauten. Das Schlagzeug spielt einen sanften Rhythmus wie zur Rettung, aber man kann sich nicht festhalten, wird erdrückt von der unheimlichen, bebenden Welt, die sich um einen herum auftürmt. Man verliert die Orientierung und schließlich das Bewusstsein. Wieder: Stille.

    Das folgende "Ant Hill" reißt aus der Trance. Die 80-er sind da, sie wollen ihre Elektronik zurückhaben? Nein, nein - dies ist, tatsächlich, ein vertonter Ameisenhügel. Es zirpt in höchsten Tönen, die Elektronik knattert, und irgendwo ist wieder dieser bedrohlich-futuristische Grundton. Man ist unversehens umgeben von riesigen Ameisenrobotern; die allerdings immerhin im Gleichschritt zu marschieren imstande sind. Was ist dieses Brummen? Instinktiv blickt man sich um, ob nicht noch eine große Fliege lauert, aber es sind Ameisen, nur Ameisen. Die halten einen allerdings nicht gefangen, man ist vielmehr zu Gast: In "Talkative Lord vs Silent Master" bekommt man schließlich sogar die Gelegenheit, einem eigenartig metallischen, elektronischen Zwiegespräch ihres Herrn auf einer stürmischen Anhöhe nahe der Geisterstadt zu lauschen. Das Album endet abrupt nach einem Monolog des "Silent Masters". Der Hörer bleibt in dieser Welt, obwohl ihre Geschichte längst vorüber ist.

    Keineswegs ist "asia" irgendwie als easy listening zu etikettieren. Klaustrophobie und Depression sind Nebenwirkungen, die ich für nicht vollkommen ausgeschlossen halte. Es ist nichtsdestoweniger sehr wahrscheinlich ein hervorragendes Album im richtigen Moment. Ich brauche jetzt aber erst mal einen Schnaps.

    Hörproben: "Voo-Vah" vom Album "warpath" könnte einen Eindruck vermitteln, "asia" jedoch ist sein Superlativ. Seid vorsichtig.

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  10. Agent Fresco - Destrier (Cover)
    "I see your ghost / it finds no rest / leaning close / from crest of bed" (Pyre)

    Zu den Publikumslieblingen des Jahres 2015 gehörten in mancherlei Kreisen die finnische Band Agent Fresco, die mit Destrier in diesem Jahr ihr zweites Studioalbum veröffentlicht hat. Die Entstehungsgeschichte ist wie schon die zum Debütalbum, in dem Sänger Arnór Dan den Tod seines Vaters verarbeitete, groß: Er erzählt hierzu, er sei vor einigen Jahren, nachdem er dem Vernehmen nach Opfer von Gewalt geworden war, in Zorn und Panik verfallen, während er Lieder für dieses Album schrieb, und habe die Gelegenheit genutzt, die aufgestauten Gefühle in die Musik zu kanalisieren. Das ist ja auch nicht immer verkehrt.

    Der Anfang von "Destrier" erinnert mich an Slint und auch an eine optimistische Variante der Geschichte von Boris: Wieder wächst die Musik mit langgezogenen Tönen langsam an, explodiert jedoch nicht in einer gewaltigen Eruption, sondern in etwas, was ich als Lis Er Stille mit New-Wave-Gesang beschreiben würde, also dem der 1980-er Jahre. Postrock trifft Hardrock, wenn man es einmal auf Genrisch ausdrücken möchte.

    Nehmen wir als Beispiel einmal das gerade mal anderthalbminütige Stück "Angst", angesichts der Entstehungsgeschichte des Albums womöglich sowieso schon namentlich interessant: Auf einem seltsamen Takt, gespielt von einem irrlichternden Schlagzeug, dreht ein marsvoltaesquer Gitarrensound vollkommen durch. Jetzt weiß ich auch wieder, woran mich Arnór Dan erinnert: Jene bedauerlicherweise aufgelöste Band hatte mit Cedric Bixler-Zavala einen stimmlich nicht unähnlichen Sänger in den eigenen Reihen.

    Das Magazin "New Noise" attestiert "Destrier" einen "Wow-Faktor" (ebd.), 10 von 10 Punkten gibt's auch auf metal.de:

    Das Fundament bilden erneut experimentelle, sphärische Rockklänge, welche Agent Fresco um Nuancen aus den Bereichen Metal, Jazz und Ambient erweitern. So gesellen sich zu kernigen, eindringlichen Riffs ("Howls", "See Hell") immer wieder perlende Pianoläufe wie im herausragenden "Dark Water", vertrackte Rhythmen und Mathcore-Rebellentum ("Angst" – so hart klangen Agent Fresco noch nie) sowie unwiderstehlich isländische Soundtrack-Eruptionen wie im packend-epischen Opener "Let Them See Us" und dem verträumten "Death Rattle". Das akkurat groovende und vieschichtige "Wait For Me" sowie das mit betörend eingängigem Refrain ausgestattete "The Autumn Red" sind weitere Höhepunkte der Tracklist. Im Titelstück wiederum überrascht der Vierer zwischen getragenen Passagen mit Noise-Anleihen und wuchtig-vertracktem Gelärme.


    Ich hätt's kaum besser ausdrücken können.

    Hörproben: Ein "offizielles Video" zu "See Hell" gibt es auf YouTube.com, Nutzer von TIDAL können das ganze Album streamen. Für kurze Hörproben indes mag Amazon.de genügen.

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  11. Her Name Is Calla - A Wave of Endorphins OST (Cover)

    Kommen wir nun zu etwas völlig Anderem.

    Die britische Ausnahmeformation Her Name is Calla ist regelmäßigen Lesern seit einigen Jahren nicht mehr völlig unbekannt. Kann traurige Musik glücklich machen? Nun, sie kann. Offensichtlich empfinden ziemlich viele Menschen Ähnliches, so dass die Band bis heute nicht nur Bestand hat, was ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist, sondern in diesem Jahr obendrein das Jubiläum zehn Jahren gemeinsamen Musizierens begehen kann.

    Manche lassen solche Regelmäßigkeiten ungehört verstreichen, Her Name is Calla hauen auf die Kacke: Es gab eine Dokumentation, drei Sonderkonzerte, ein Album zur Dokumentation und noch ein paar Dinge. Die Dokumentation nennt sich treffend "A Wave of Endorphins", "Eine Welle von Endorphinen" also, und das dazu passende Album nennt sich ebenso. Passt ja auch irgendwie.

    Nicht, dass da nun irgendwelche Überraschungen zu erwarten wären. Her Name is Calla machen einfach das, was ihre größte Stärke ist: Neun instrumentale Stücke zwischen etwas unter zweieinhalb und etwas über sechs Minuten. Viel Klavier, meist an Kammermusik, manchmal an die späten Talk Talk erinnernde Einwürfe von Bass, Streich- oder anderen Instrumenten, manchmal ein treibender Rhythmus mit Schlagzeug und Gitarrenklängen, aber nie, nicht einmal im abschließenden und hier erstaunlich gut passenden Postrock-Ausrufezeichen "The Hour Of The Gloam", auch nur dem Verdacht nahe, jetzt plötzlich ordinäre Rockmusik machen zu wollen. Das hier ist mehr.

    Habe ich da "instrumental" geschrieben? Das stimmt ja eigentlich nicht; in "Transmute" zum Beispiel wird gesungen: Zu fast unsicheren gezupften Saiten singt eine Frau - vermutlich Sophie, ihres Zeichens Frontviolinistin und Twitterzuständige des Quartetts - zerbrechlich sanfte Worte, im folgenden "Sparring Partner", dem (trotz der merkwürdigen Stimmeffekte im Refrain) besten Britpop-Lied, das mir gerade einfallen möchte, darf einer ihrer drei Bandkollegen sich als wesentlich besserer Brian Molko versuchen. Der Text? Wen kümmert der Text? "A Wave of Endorphins" ist instrumental, daran ändert keine Zeile Text etwas.

    Jetzt, just in diesem Moment, läuft das Stück "I Chose Wrong" im Kopfhörer und der Autor dieser Zeilen hat seit etwas mehr als zwei Minuten Gänsehaut und das dringende Verlangen zu reisen; nicht weg von diesem Album, sondern mit diesem Album irgendwo hin. Kurz meint man türkische Folklore zu hören, dann verschwindet dieser Augenblick auch schon wieder und weicht einer seltsamen Bedächtigkeit. Vielleicht ist "vertonte Augenblicke" sowieso eine ziemlich gute Beschreibung dieses Albums.

    Nach gerade einmal 35 Minuten - gefühlt nicht einmal zehn - ist die Welle, kaum dass sie mit "The Hour Of The Gloam" an Druck gewonnen hat, schon wieder abgeebbt. Zeit, sich zu sammeln. "A Wave of Endorphins" ist ein hervorragendes Postrockalbum, ein hervorragendes Schwermutalbum und ein hervorragendes Album, um dringend zu verreisen. Haltet also gepackte Koffer bereit.

    Hörproben: Das ganze Album lässt sich - ihr kennt das - auf Bandcamp.com vollständig anhören.

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  12. The Grand Astoria - The Mighty Few (Cover)
    "I never heard of you, and what the hell are you talkin' 'bout?" (Curse of the Ninth)

    Woran denkt ihr, wenn ihr den Bandnamen The Grand Astoria hört? An Luxushotels, das Vereinigte Königreich, vielleicht auch Fußballvereine oder Kabarettisten? Wie klingt wohl die dazu passende Musik?

    Nein, auf "The Mighty Few" ertönen keine Fußballchöre; die klingen bekanntlich nicht mal bei Pink Floyd fein. Da, wo The Grand Astoria herkommen, ist der Fußball auch nicht unbedingt zu Hause: Der Gitarrist, Monotronist (ein Korg Monotron scheint eine Art Synthesizer zu sein) und Sänger Kamille Sharapodinov ist anscheinend in St. Petersburg zu Hause und diese Band ist sozusagen, trotz der hier immerhin neun Mitmusiker, sein Soloprojekt. Wir befolgen die alte Regel "keine Witze über Namen" und lassen nahe liegende Wortspiele beiseite, so bleibt mehr Zeit, uns auf die Musik zu konzentrieren.

    Und die hat es in sich.

    Auf "The Mighty Few" - "die mächtigen Wenigen" - befinden sich zwei Stücke von jeweils über 20 Minuten Länge, zusammen haben wir hier fast 50 Minuten Laufzeit. Das macht Hoffnung. Und natürlich ist das Dargebotene schwer zu vergleichen, ich höre allein Rush, Soft Machine und Opeth ebenso wie The Mars Volta. Die Band selbst nennt neben The Mars Volta auch Pink Floyd (also doch Fußballchöre!) als Einflüsse, aber "The Mighty Few" ist von der Schnarchigkeit der letzten gefühlt 32 Alben letztgenannter Band erfreulich weit entfernt.

    Schon der Anfang lässt ein Progressive-Metal-Album erahnen, aber die erwartete Explosion lässt auf sich warten: "Curse of the Ninth" beginnt mit Jazzrock, gelegentliche Bläsereinwürfe lassen die Spannung steigen, bis eine seltsam bluesige Stoner-Rock-Version von Led Zeppelin die Führung zu ergreifen scheint: "And if you trust me, baby..." Den exaltierten Gesang teilt sich Kamille Sharapodinov mit Danila Danilov, der seit Anfang 2014 immer mal wieder im Umfeld der Band aktiv ist und mal eines ihrer Alben produziert, mal Flöte, Kazoo und/oder Gesang übernimmt. Eine solche Häufigkeit an Produktionen kennt man ansonsten eher von japanische Bands wie Acid Mothers Temple und Boris (hierzu siehe oben). Mächtig, diese Wenigen. - Nach sechseinhalb Minuten ertönt erst asiatische Folklore, dann ein Jazzjam mit Rockfundament. Ich bin verwundert, aber mag das. Der Gesang wird anschließend etwas zurückgeschraubt, etwas Hall; nach kurzer Gesangspassage folgt ein sehr interessanter Wechsel aus RIO/Avant (mit Klavier- und Bläserekstase) und dem Hardrock vom Anfang, abrupt unterbrochen durch ein boybandesques A-Cappella-Zwischenspiel, bei dem nach und nach mehr Stimmen und elektronische Effekte einsetzen, bis das Stück schließlich in ein wahres Gewitter aus Jazzrock mit perlendem Klavier, psychedelischem Hardrock und dem Gesang vom Anfang ausbricht. Dass Melodiefragmente über die gesamte Dauer des Stücks immer wieder aufgegriffen werden, geht bei all den Wechseln beinahe unter.

    "The Siege" geht direkt in die Vollen und beginnt mit einer guten, basslastigen Portion instrumentalen Hardrocks mit Gitarrensolo und Synthesizerflirren, wechselt aber recht bald zum Bluesrock; von da ist es dann auch nicht mehr weit zu, ah, da sind sie!, Pink Floyd und damit eigentlich auch dem Solowerk von Steven Wilson, das hier melodisch wie gesanglich durchaus eine Referenz sein könnte. "I trust my intuition / na na na hey / my intuition." Gut, dass ich das auch getan habe. Gegen Ende dürfen die Synthesizer nochmals zeigen, was sie können, ein wenig Spacerock zum Abschied quasi. Das Stück wird leider etwas einfallslos ausgeblendet, wie auch anderswo bereits beklagt wurde. Meiner Gesamtwertung kann's egal sein.

    Seit dem Erscheinen von "The Mighty Few" im Mai dieses Jahres haben The Grand Astoria übrigens bereits eine neue EP und ein einzelnes neues Stück via Bandcamp veröffentlicht. Ich weissage, von dieser Band werde man wohl noch manch Gutes zu hören bekommen. Hoffen wir das Beste.

    Hörproben: Abermals ist Bandcamp.com eine hervorragende Anlaufstelle zum Hören und Kaufen.

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  13. t - fragmentropy (Cover)
    "So I take my revolver and put it in my mouth / to get used to it for the day I need it" (The Black of White)

    Nach der bedauerlicherweise offensichtlich dauerhaften Trennung seiner ehemaligen Band Scythe veröffentlichte der schwermütige Multiinstrumentalist mit "fragmentropy" nunmehr sein fünftes Studioalbum. Die "eclipsed" vergleicht es mit Radiohead, aber jeder weiß, dass Radiohead scheiße sind. Versuchen wir es also mal mit einer eigenen Herangehensweise.

    "Fragmentropy" ist ein Kofferwort aus "Fragment" und "Entropie", vielleicht ist eine Zerbrechungsstreuung gemeint, aber was das nun wieder sein mag ... - Thomas Thielen alias t ist offensichtlich nicht nur ein Freund von Kleinbuchstaben, sondern schätzt auch Sprachspielereien. Dabei lässt er sich bisweilen viel Zeit bei der Ausarbeitung: Die Website zum Album behauptet, die Texte seien von 1994 bis 2015 entstanden. Was lange währt, wird endlich gut. Und wie gut!

    Das Album ist in insgesamt drei "Kapitel" aufgeteilt, die thematisch irgendwie zusammenhängen. Thematisch fröhlich wirkt keines davon, aber man sollte ja auch mal innehalten; dies ungeachtet von grandiosen "Seiten" in diesen Kapiteln wie zum Beispiel dem Dreizehnminüter "Brand New Mornings" aus dem ersten Kapitel, das den Namen "Anisotropic Dances", "anisotrope Tänze" also, trägt und bereits in den ersten zwei Minuten moderne Varianten des Canterbury Style (Argos u.a.), Spock's Beard, Gentle Giant und Zirkusmusik leichtfüßig aneinanderreiht.

    Was bei einer Einmannband, die sich selbst begleitet, nicht gerade leicht ist. Aber t hat sich professionalisiert, von dem doch recht computerisierten Klang mancher Entwürfe ist hier nichts zu hören. Sind das etwa echte Instrumente? Stile jedenfalls beherrscht er mindestens ebenso viele; Postrockgitarren und eindringliches Flüstern zu Klavierbegleitung müssen einander eben nicht ausschließen. Überhaupt ist "fragmentropy" mit "atmosphärisch" wohl ziemlich treffend zu beschreiben. Viele Worte verderben den Brei.

    Dies vielleicht noch:

    Spätestens seit seinem zweiten Album scheint t auf einer Reise zu sein, auf einer Reise immer tiefer in eine ganz eigene Klangwelt. So entsteht wohl aus einer Mischung von realen und programmierten Instrumenten ein dichtes Geflecht aus dramatischen Passagen, sinfonischen Ausbrüchen, aggressiven Eruptionen und filigran-melancholischen Ausflügen in düstere Gefilde. Flirrende Gitarren- und Keyboard-Klänge illuminieren diese Klangwelt, die zwischen Dramatik, Düsternis, Melancholie und Wucht munter oszilliert. Gerade die langen Stücke sind wie Ozeane, die mal bewegt, mal ruhig, mit einer ungeheuren Dynamik den Hörer umspülen. Aufwühlend, mitreißend, beeindruckend und erfüllend ist diese Musik.


    Wie wahr.

    Hörproben: Amazon.de hält halbminütige Ausschnitte vorrätig, TIDAL-Nutzer können das Album komplett anhören.

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  14. echolyn - I Heard You Listening (Cover)
    "Soon the water will rise / and soon it carries them home" (Carried Home)

    "Ich hörte euch zuhören" - von wem, wenn nicht von echolyn, ist so ein Titel zu erwarten?

    Fangen wir ausnahmsweise einmal mit dem Unschönen an: "I Heard You Listening" ist nicht "mei". Es ist höchst unwahrscheinlich, dass echolyn jemals ein noch besseres Album machen werden als "mei", und das gilt auch für "I Heard You Listening".

    So viel zur Kritik, der Rest ist nämlich - wie so oft - ziemlich klasse. Weite Strecken des Albums sind typisch echolyn: Auf ihrem achten Studioalbum kombiniert das Herrenquintett aus Philadelphia erneut tastenlastigen Retroprog mit modernen Zutaten, ohne sich dabei nur zu wiederholen. Das wäre doch auch langweilig.

    "WarJazz" zum Beispiel, Lied Nummer 2, beginnt wie eines der alten Klavierrocklieder von Elton John, wird dann aber schnell interessanter: Ein hektisches Schlagzeug und ein kurzer Keyboardteppich leiten über in eine Art Hardrockstrophe mit flirrender Gitarre und dem wie gewohnt überragenden Gesang von Ray Weston, der Refrain wiederum könnte schon wieder von Elton John stammen (und das ist an dieser Stelle nicht mal negativ gemeint), wenn der Gesang nicht so klasse wäre. Was ist das? Es ist spannend.

    Andere Stücke wie "Different Days" könnten ebenso von Spock's Beard stammen, wäre da nicht die raffinierte Dissonanz im Refrain, was sich die meisten dieser Neo-Retro-Irgendwas-Bands ja heutzutage nicht mehr trauen. Früher war vieles besser, nur echolyn halten ihr Niveau. "Once I Get Mine" ist gleichsam eine durchgedrehte Variante in ähnlichem Stil, wenn auch näher an Bands wie Mr. Bungle und Primus als alles, was ich bislang mit echolyn verbunden hätte.

    Keine Ruhe, keine Balladen. Neun Stücke, allesamt zwischen fünf und zehn Minuten lang, vergehen wie im Flug. Das letzte Stück, "Vanished Sun", ist ebenso wenig ein Lückenfüller wie der Rest des Albums und mit der sich beinahe überschlagenden Stimme von Ray Weston und dem merkwürdigen Mitklatschrefrain so einmalig wie einprägsam. Es gehörte schon immer zu den Stärken dieser Band, komplexe "Popmusik" zu machen, ohne einen einzigen Takt mit tatsächlicher Popmusik zu verschwenden. Ohrwürmer? Aber selbstverständlich! Gute Laune? Aber hallo!

    Hörproben: Ach, warum nicht mal wieder Bandcamp.com (Komplettstream)?

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  15. Herr Geisha & The Boobs - Book of Mutations (Cover)

    Hehehe. Boobs. Das Beste zum Schluss, wie ihr seht.

    Herr Geisha & The Boobs, bestehend aus den drei Musikern Sir Bottom, Lady Body und natürlich dem Gitarristen und Sänger Herr Geisha, stammen trotz des Namens aus Lyon, Frankreich, und haben seit 2012 bislang jedes Jahr ein Album veröffentlicht. Das nunmehr vierte Album "Book of Mutations" klingt trotzdem kein bisschen müde. Es handele sich, so wird der Hörer instruiert, trotz der Aufteilung in neun "Titel" (wobei "Chapter VIIII" eigentlich "Chapter IX" heißen müsste, andererseits könnte das Absicht sein) um ein einzelnes Stück, das man doch bitteschön vollständig und LAUT hören möge (Großbuchstaben wie in der Quelle). Wird gemacht.

    Homogen ist das "Buch der Mutationen" keinesfalls; von zwei "Kapiteln" ("Chapter II" und "Chapter VII"), die im Postrock und/oder -metal anzusiedeln sind, wobei besonders "Chapter VII" an die guten, alten, sehr vermissten Aereogramme erinnert, abgesehen hört der Schreiber dieser Zeilen hier eine bunte Mischung aus den experimentelleren Projekten von Mike Patton (Fantômas), Frank Zappa, Grunge, Mathrock, RIO/Avant und nicht zuletzt Noiserock. Das liest sich anstrengender als es klingt.

    Zumal kein falscher Eindruck vermittelt werden soll. Das "Kapitel 1" greift nach einem seltsamen Beginn (es ertönt etwas, das wohl Glocken nachahmen soll) schon frontal an: Ein krummtaktiges Gitarrenfundament begleitet Herrn Geishas Punkgeschrei. Avantgarde-Punk? Schönklang jedenfalls ist feige. Das beinahe vierzehnminütige, überwiegend instrumentale "Kapitel 2" legt noch eine Schippe hinsichtlich der Härte drauf. Wer schon immer mal wissen wollte, wie es klingen würde, wenn eine Band wie System of a Down eine Band wie Mogwai covern würde, der bekommt hier vielleicht einen ersten Eindruck.

    Ach, Schönklang. "Kapitel 6" kommt diesem Wort vielleicht noch am nächsten, wenn man auch The Velvet Undergrounds "Sunday Morning" als Schönklang bezeichnen würde. Allerdings ist dieser Spuk nach nicht einmal zwei Minuten wieder vorüber und es wird wieder gebrettert. Herrlich.

    Das "Book of Mutations" ist ein weiterer Anlass, dem Wort "Genre" grundsätzlich zu misstrauen. Progressive Punkavantmetal klingt ja auch wirklich dämlich. Was wir hier haben, ist trotz gleichbleibender Menge an "Zutaten" ein höchst kreatives, anregendes Gericht. Lasst es euch schmecken.

    Hörproben: Bandcamp hat Stream und Kauf.

1b. Schnell empfohlen

  • Demon Head - Ride the Wilderness (Cover)

    Drogenschwanger geht es bei Demon Head zu, einer dänischen Kapelle, die drüben auf dem Blog mit dem schönen Namen 33rpmPVC schon mal Thema war. Dort heißt's:

    Doom Metal mit einem guten Schuß Psychedelia.


    Ich erhebe zaghaft eine meiner Hände zum Einwand, dass hier der Doom Metal - was soll das eigentlich sein? - eher durch Abwesenheit auffällt, was aber auch nicht unbedingt schlecht ist. Einverständnis allerdings äußere ich hier mit den Psychedelia, denn hier wird tatsächlich der Stoner-Rock (wie üblich mit Betonung auf "Stoner") zelebriert.

    Wobei ich mich frage, ob das noch Rock ist, immerhin spricht die Verspieltheit eine andere Sprache. Mag ja sein, dass Demon Head gemeinhin als Metalband geführt werden, wenngleich sie selbst sich unter "Heavy Rock" einsortieren. Genrepampe. Es gibt ein paar hervorragende Soli, die ich mir so auch von einer guten Hard-Rock-Band wünschen würde, und dann aber gibt es auch Momente wie das vorletzte Stück "The Greatest Lie", das von Stoner-/Krautrock allmählich doch in etwas übergeht, dem unsereins das Metalsein nur schwerlich absprechen können möchte.

    Ein Adjektiv gefällig? Erfrischend. Ja, doch - ein sehr schön erfrischendes Album. Auch jetzt, lange nach der schrecklichen Hitzewelle.

    Hörproben: Man höre auf Bandcamp.com hinein.

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  • Ikarus - Echo (Cover)

    Den Namen Ikarus verbindet der geneigte Musikfreund vielleicht mit einem geflügelten Jüngling aus den griechischen Sagen des Altertums, vielleicht auch mit der Hamburger Krautrockband dieses Namens, die in den frühen 1970-er Jahren ein bisschen vor sich hinexistierte und irgendwann damit aufhörte.

    2015 allerdings fanden sich in Zürich (Schweiz) wiederum andere Musiker unter dem Namen Ikarus zusammen und veröffentlichten mit "Echo" ihr Debütalbum. Genres? Ach, Genres. Minimaljazz, nehme ich an, um nicht ulkige Satzverbrechen wie "Prog-Jazz-Groove-Quintett" (cf. Mock The Bird) kopieren zu müssen. Ja, fünf sind's an der Zahl, und jeder von ihnen hat eine Aufgabe. Gelegentlich erinnere ich mich beim Hören an Utopianisti, obwohl's weniger rockt.

    "Echo" ist trotz seines Namens weitgehend als Instrumentalalbum zu betrachten, das Vokalistenduo aus Stefanie Suhner und Andreas Lareida trägt eher Lautmalerei als Gesang bei; zwei Stimmen also als weiteres Instrument, als soundscapes eben, a-cappella beziehungsweise indianischen Gesängen nicht unähnlich. Schwelgerisch wäre hier vielleicht ein angebrachtes Adjektiv, selbst während der kurzen Ausflüge in den Freiformjazz (etwa in "Sakura") bleibt alles im Fluss. Referenzen zum Bandnamen, naja, vielleicht fliegen die Stimmen so hoch oder so. Zum Glück aber verbrennen sie nicht und möglicherweise tut ein Vergleich mit Värttinä und Iki niemandem ein Unrecht an. Ziemlich zauberhaft, das Ganze.

    Hörproben: YouTube. Erneut YouTube. Schließlich Amazon.de.

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  • Late Night Venture - Tychonians (Cover)

    Die diesjährige Dosis Postrock machen Late Night Venture komplett.

    Das tychonische Weltsystem wurde im 16. Jahrhundert von dem dänischen Mathematiker Tycho Brahe ersonnen und besagte, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums stehe und alle anderen Planeten um die Sonne kreisten. Aus heutiger Sicht ist das zumindest weniger blöd als manch andere Erklärungsansätze.

    Inwiefern das eine Grundlage für das Album "Tychonians" ist, ist beinahe ohne Texte schwer auszumachen. Fest steht, dass die fünf Musiker von Late Night Venture ebenfalls aus Dänemark stammen und sich offenbar bevorzugt mit Astrologie beschäftigen; das Vorgängeralbum zum Beispiel trug den Titel "Pioneers of Spaceflight", das erste Stück auf "Tychonians" beginnt zudem mit etwas, das ich als die Abfluggeräusche eines Raumschiffs interpretieren würde.

    Die Band mischt das alte Laut-Leise-Spiel mit allerlei Doom-, Spacerock- und Psychedelic-Zutaten, sie bleibt dabei überwiegend in instrumentalen Gefilden. Einzig in "Moon Shone on White Rock" findet sich ein wenig verzerrter Gesang. Das Internet zieht Vergleiche mit Anathema und (mehrfach) Long Distance Calling, ich finde solche Vergleiche eher albern, obwohl ich Long Distance Calling hier streckenweise auch selbst wiederfinde.

    Ein Rezensent auf Amazon.de merkt an, "Tychonians" mache Spaß. Ich behaupte: Das stimmt.

    Hörproben: Neben den Schnipseln auf Amazon.de gibt es einen Komplettstream auf Bandcamp.com.
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Re: Die besten Alben 2015

BeitragAuthor: Tuxman » Fr 25. Dez 2015, 16:46

1c. Live und umsonst

  • Umphrey's McGee - The London Session (Cover)

    Wer ein Album "The London Session" nennt, der weckt damit zumindest Assoziationen an viele gute und weniger gute Livealben vergangener Epochen. Umphrey's McGee meinten das aber noch ironischer als es scheint, als sie im Juni 2014, über vier Jahrzehnte nach den Beatles, in den Abbey-Road-Studios (denen mit dem Zebrastreifen) in dem Raum - angeblich sogar in derselben Ecke -, in dem von 1962 bis 1970 ebenjene Popmusikgruppe ihre Alben einspielte, einige ihrer Stücke neu aufnahm.

    Zwar ist mit "Bad Friday" auch ein gänzlich neues Stück auf dem Album zu hören, aber eigentlich geht es ja um völlig andere Dinge. Die Band aus Chicago macht dafür, dass sie aus den musikalisch sonst eher langweiligen USA kommt, erfreulich spaßige Musik zwischen allen musikalischen Stühlen und weiß diese auch auf "The London Session" angemessen in Szene zu setzen. Anders gesagt:

    Langzeitbewunderer von Umphrey's McGee sollten mit diesem Album weitere Bewunderung und Wertschätzung für Wagnis und Entschlossenheit der Band entwickeln. (...) Umphrey's McGee fahren damit fort, das zu tun, was sie immer schon am besten konnten - nämlich, jeder Beschreibung auszuweichen und jeden Versuch, sie in eine Schublade zu stecken, in eine Übung in reiner Zwecklosigkeit zu verwandeln. Wenige andere Formationen können von sich behaupten, Ambition, Mehrdeutigkeit und Integrität in einer solch ausgeglichenen Weise zu bieten.


    (Grausame Übersetzung von mir.)

    Dass mit "I Want You (She's So Heavy)" auch ein von Umphrey's McGee seit Jahren live gespieltes Lied der Beatles, überdies von deren Album "Abbey Road" (dem mit dem Zebrastreifen) stammend, seinen Weg auf "The London Session" gefunden hat, ist da eigentlich nur noch das Sahnehäubchen dieser Veröffentlichung.

    Hörproben: Man höre auf Amazon.de oder TIDAL hinein.

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  • Guilty Ghosts - The Witness (Cover)

    2015 war hinsichtlich der "Name your price"-Alben erschreckend enttäuschend. Haben inzwischen alle Musiker ihren Geschäftssinn entdeckt?

    Nein, auf eines ist Verlass, auf die Guilty Ghosts nämlich, die als Soloprojekt von Tristan O’Donnell gar nicht so viele sind, wie man glauben könnte. Mit "The Witness" - "Der Zeuge" - erschien im Juni nach über zwei Jahren Pause ein neues Album des Herrn, diesmal ausschließlich in digitaler Darreichungsform, aber auch weiterhin nicht an einen festen Preis gebunden.

    Ist das denn schon ein Album? Die Laufzeit beträgt nicht einmal 23 Minuten. Ich bin geneigt, von einem "Minialbum" zu sprechen. Und andere Leute sind schon überfordert, wenn es um Lappalien wie "Genres" geht!

    Die stilistische Zuordnung ist bei Guilty Ghosts indes wie gewohnt nicht schwer zu erraten. Weite Klanglandschaften breiten sich im Kopf aus und erreichen von dort jeden Ort im Körper des Hörers, der ihnen Zutritt gewährt. (Ergibt das überhaupt Sinn? Und ist das wichtig?) Ich höre feinste Instrumentalmelancholie, eine träumerische Remineszenz an Long Distance Calling und hier und da auch Balladesques. Dass manche Klimax durch's gelegentliche Ein- und Ausblenden nicht zum Zug kommt: Geschenkt! Wenig empfehlenswert ist das hier Gehörte trotzdem noch lange nicht, sonst stünde es nicht hier.

    Wahr bleibt auch die Selbstbeschreibung des Musikers: "Songs fit for rainy days, everlasting evenings, and melancholy moments in solitude." Holt es euch auf Bandcamp.com oder via eMule, vergesst die anderen Alben des Herrn O’Donnell nicht und schaut mal in den Wolken vorbei. Es ist wirklich angenehm dort.

2. Schrottwichtel des Jahres

Es soll ja niemand behaupten, ich wäre plötzlich allzu beliebig geworden, weil bislang erschreckend wenig furchtbar Schräges aufgeführt war. Auch ein erweiterter Horizont kennt Grenzen. Beispiele gefällig? 2015 war da durchaus nicht geizig:

  • Panda Bear - Panda Bear Meets The Grim Reaper: Weder flauschig-pelzig noch grimmig. Wenn ich ein Panda wäre, würde ich die Produzenten dieses Langweilers wegen Rufmords verklagen wollen.

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  • Katzenjammer - Rockland: Zu viele Ideen auf zu wenig Platz. "Oh, sweet lord."

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  • Mollmaskin - Heartbreak In ((Stereo)): Herzzerreißendes, lahmes Geklimper.

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  • Progoctopus - Transcendence EP: Ein Album, das klingt, als hätte jemand ein gutes Progressive-Rock-Album in Fetzen geschnitten und dann halbherzig mit irgendeinem Fünf-Euro-Programm wieder zusammengewürfelt. Jane Gillards guter Gesang wirkt leider völlig verloren. So wird das nichts.

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  • Portico - Living Fields: Von bezauberndem Jazz auf früheren Alben zu einschläferndem Elektropop auf diesem Erzeugnis. So schnell kann's gehen mit dem Fall.

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  • Shining - International Blackjazz Society: Wie die x'te Neuauflage der "Tubular Bells", so ist auch die "International Blackjazz Society" ein blut- und ideenarmer Versuch, aus dem Namen eines wirklich guten Albums noch etwas Profit zu gewinnen. Oder ist Blackjazz doch das "Genre"? Wenn ja: wann und warum hat dieses Genre aufgehört, spannend zu sein?

3. Neunzig Jahre Horrorschau

Wie üblich möge eine Rückschau auf die letzten Jahrzehnte Musikgeschichte diesen Text beschließen; diesmal beginne ich mit einem ganz besonderen Jubiläum:

  • Vor 90 Jahren:
    Gid Tanner - Boll weevil blues

    1925, mitten in der Weimarer Republik, war kein besonders gutes Jahr für Deutschland. Friedrich Ebert, Vorsitzender der bereits damals kriegsfreundlich eingestellten und auch vor Mord am politischen Gegner - seinerzeit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - nicht zurückschreckenden SPD war bis Ende Februar 1925 Reichspräsident des merklich von der Politik der SPD gezeichneten Landes, ein österreichischer Künstler und Kriegsveteran publizierte derweil den ersten Band einer ziemlich langweiligen Geschichte namens "Mein Kampf", der 2015 wieder erhöhte Aufmerksamkeit, diesmal aus Urheberrechtsgründen, zuteil wurde. Auch musikalisch gab es nicht viel, worüber man sich freuen konnte, und vieles ist mittlerweile zu Recht vergessen worden. In Georgia (USA) allerdings machte das Duo aus dem Fiddler Gid Tanner und dem blinden Gitarristen Riley Puckett von sich reden, das für die damalige Zeit einigermaßen moderne Folkmusik spielte und für die Plattenfirma Columbia bereits manche Schallplatte aufgenommen hatte. Der Bitte Columbias, eine Stringband zu gründen, kamen beide bald nach; Gid Tanner's Skillet Lickers erwarben einen solch guten Ruf, dass seine Enkel und Urenkel noch heute unter dem Namen Skillet Lickers mit etwas, was wohl mittlerweile "Old-Time-Musik" heißt, auf Festivals auftreten. Das sollen die Rolling Stones erst mal hinbekommen.

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  • Vor 40 Jahren:
    Van der Graaf Generator - Godbluff

    1975 sah die Welt schon viel besser und friedlicher aus: Der spanische Diktator Franco starb und der erbärmliche Vietnamkrieg endete mit viel zu wenig toten Soldaten und viel zu viel Leid. Es war also ein ideales Jahr für etwas Beschaulichkeit. Dave Greenslade trug zu dieser Beschaulichkeit zum vorerst letzten Mal mit Greenslades Album "Time and Tide" bei, auf dem abermals sehr empfehlenswerter Progressive Folk gespielt wurde. Lou Reed versuchte derweil seinen Plattenvertrag loszuwerden, der nach seinem bis heute in seiner Heimat erfolgreichsten Album "Sally Can't Dance" von 1974 die ungeliebte Erwartungshaltung von Publikum und Finanziers vervielfacht haben dürfte: "Metal Machine Music" wurde ein gewaltiger Koloss aus Gitarrenlärm, der kommerziell der gewünschte Reinfall wurde, künstlerisch allerdings ein langes Nachspiel hatte, das schließlich erst 2002 in einer Neuinterpretation zusammen mit dem deutschen Ensemble Zeitkratzer, dann 2008 in der Gründung des bis zu seinem Tod im Jahr 2013 bestehenden Metal Machine Trios seinen Abschluss fand. Einen weiteren Neuanfang wagte 1975 die zuvor vorübergehend aufgelöste Progressive-Rock-Band Van der Graaf Generator, deren Mitglieder ohnehin für verschiedene Soloaktivitäten zusammengearbeitet hatten, und veröffentlichte vier Jahre nach "Pawn Hearts" das bis heute als eines ihrer besten bewertete "Comeback"-Album "Godbluff", das mit nur vier Stücken, darunter das grandiose "The Sleepwalkers", den Auftakt zu einer in schneller Folge veröffentlichten Reihe von hervorragenden Werken führte. 1978 zerfiel die Band nach einigen Umbesetzungen wieder und fand sich erst 2005 wieder zusammen; eigentlich wäre ("ALT" ist von 2012) ja auch mal wieder ein neues Album fällig. Warten wir es ab.

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  • Vor 30 Jahren:
    Marillion - Misplaced Childhood

    Viel besser abwarten - nicht nur in musikalischer Hinsicht - hätte man die 1980-er Jahre gekonnt. Zwar gab sich 1985 mit der Großveranstaltung "Live Aid" menschenfreundlich, gleichzeitig aber wurde dieses Jahr zum "Jahr der Vereinten Nationen" erklärt. Die Vereinten Nationen sind nun nicht für eine besondere Friedfertigkeit bekannt, immerhin unterhalten sie sogar eine eigene Armee. Dazu passt eigentlich der Titel des in diesem Jahr erschienenen Albums der Gruppe Dire Straits, nämlich "Brothers in Arms", also "Waffenbrüder", ebenso gut wie das anscheinend komisch gemeinte "Geld oder Leben!" der österreichischen Popband Erste Allgemeine Verunsicherung, wobei bei Dingen, die die Vereinten Nationen betrafen, oft weniger Geld als Leben floss. Mitten in diese wirre Zeit wurde der Autor dieser Zeilen in eine deplatzierte Kindheit hinein geboren, und auch Marillions 1985 veröffentlichtes "Misplaced Childhood" wirkte mit dem Radiohit "Kayleigh" einerseits und Stücken wie "Lavender" andererseits zerrissen zwischen Gefälligkeit und Anspruch. Der Abschied vom kühlen, technischen Stil der Vorgängeralben jedenfalls läutete auch den allmählichen Abschied vom angeblich zusehends mehr von sich eingenommenen Sänger Fish ein; nach einem weiteren Album verließ er die Band nur kurze Zeit später, seine ehemalige Band macht bis zum heutigen Tage mit dem damals neuen Sänger Steve Hogarth und einem zusehends mehr am Artrock als an Genesis orientierten Stil weiter. Manchmal will auch die Musik mit der Zeit gehen.

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  • Vor 20 Jahren:
    Neu! - Neu! 4

    Was fällt euch ein, wenn ihr "1995" lest? Richtig: 50 Jahre Kapitulation der deutschen Wehrmacht, 5 Jahre deutsche Einheit und nicht zuletzt der Siegeszug eines zu diesem Zeitpunkt schon vierzehn Jahre alten Liedes, nämlich "Start Me Up" von den Rolling Stones. Windows 95 brauchte eine einprägsame Hymne, und was lag da näher als ein vermeintliches Lied über den seinerzeit neuen "Startknopf"? Die Rolling Stones waren allerdings selbst längst weitergezogen, im November 1995 erschien mit "Stripped" eine Art Studio-Live-Album ohne eigenes neues Material; auf das nächste "vollständige" Studioalbum "Bridges to Babylon" musste das geneigte Publikum noch bis 1997 warten. Es war ein vielfältiges Jahr, in das auch Purs erstes Nummer-1-Album "Abenteuerland" gut hineinpasste. Pop und Radiorock, wohin man zunächst blickte. Aber was, wenn man einen zweiten Blick wagte? Vielleicht hat man dann das selbstbetitelte Debütalbum der schwedischen Progressive-Rock-Band Ritual entdeckt, die bereits auf ihm einen eigenständigen Stil zwischen Folk, AOR und Hardrock gezeigt hatten, den sie in den kommenden Jahren immer weiter zu einem beeindruckenden Folkrock weiterentwickeln sollten. In Deutschland bäumte sich derweil ein letztes Mal der Krautrock auf: Die von Conny Plank, der mittlerweile verstorben war, in den Jahren 1985 und 1986 produzierten letzten, allerdings unvollendeten Aufnahmen des Düsseldorfer Duos Neu! wurden nach der streitbedingten Trennung der beiden Musiker Klaus Dinger und Michael Rother erst nach neun Jahren zur Veröffentlichung als "Neu! 4" freigegeben. Dass sich selbst die nicht auf kommerziellen Erfolg bedachte Band Neu! hier mit allerlei Elektronik an den schlimmen "musikalischen" Zeitgeist des Jahrzehnts anzupassen versuchte, ist dank der ansonsten weiterhin experimentellen Spielweise beinahe unauffällig geblieben. Nichtsdestotrotz erschien 2010 eine überarbeitete Neuauflage unter dem Namen "Neu! '86". Mit weiteren Aufnahmen ist nach dem Tod Klaus Dingers aber leider nicht mehr zu rechnen.

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  • Vor 10 Jahren:
    Nil - Nil Novo Sub Sole

    Zehn Jahre ist es nun her, dass ich anfing, mehr oder weniger regelmäßig richtige Texte ins Web reinzuschreiben. Gleichzeitig erbebte die deutschsprachige Musikwelt allerdings aus ganz anderen Gründen, nämlich aufgrund des Albums "Schrei" der absurden Combo Tokio Hotel, über die allzu kindische Witze zu machen selbst mir damals nicht zu unpassend erschien. Wer allerdings damals schon nicht viel Wert auf die Beschäftigung mit solch belanglosem Quark gelegt hatte, der ist zu beneiden, denn er hatte um so mehr Zeit für wirklich gute Lieder. ...And You Will Know Us by the Trail of Dead zum Beispiel ließen den potenziellen Käufern viel Zeit für Vorfreude, indem die Veröffentlichung ihres Albums "Worlds Apart" von 2004 auf 2005 verschoben wurde, damit die Verkaufszahlen sich nicht an denen von Eminem und Destiny's Child (einer anständigen Plattenfirma ist kein Vergleich zu doof) messen lassen mussten. Nichts Neues also unter der Sonne? Dies jedenfalls behauptete das französische Symphonic-Prog-Quintett Nil, dessen Album "Nil Novo Sub Sole" seit dem Jahr 2005 ebenfalls erhältlich ist, allerdings unter offensichtlich anderen Voraussetzungen, denn Zugeständnisse sind hier nicht erkennbar. Den großen Fehler vieler anderer Musikgruppen, die englische Sprache zu der eigenen zu machen, wiederholen Nil nicht, hier ist und bleibt alles auf Französisch, das ich zwar nicht verstehe, das aber authentisch und nah wirkt. Umgeben von einer atmosphärisch dichten Wolke aus teils psychedelischem, teils verzwirbelt-hartem Progressive Rock, der mal an King Crimson erinnert, meist aber eine ganz eigene Note trägt, schwebt Sängerin Roselyne Benthet gleichsam über den Dingen und verursacht ganz nebenbei selbst bei den ungänsigsten Hörern eine Gänsehaut, die man eigentlich gern eine Weile behalten würde. Manche Alben fühlen sich einfach richtig an; dies ist eins davon.

Was wohl noch kommen mag? Wer weiß! Sebkha-Chott allerdings haben zum Jahreswechsel ihre Auflösung angekündigt. 2016 soll ein letztes Album erscheinen. Da bleibt zumindest etwas, worauf wir uns noch einmal freuen können.

Bis zum nächsten Mal!
Ein intelligenter Mensch ist manchmal gezwungen, sich zu betrinken, um Zeit mit Narren zu verbringen.
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